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The Art of Art Theft: „Museo“ im Berlinale Wettbewerb

The Art of Art Theft: „Museo“ im Berlinale Wettbewerb

Die Wahrheit sollte sich nie einer großartigen Story im Weg stehen, betont Alonso Ruizpalacios sowohl in seiner hintersinnigen Gaunerkomödie als auch auf der Pressekonferenz zu deren Berlinale Premiere. Zum Glück des mexikanischen Regisseurs und Co-Drehbuchautors hat sich die Wahrheit daran gehalten. Bereits vor Beginn der aberwitzigen Story notiert eine Textkarte, dass die Handlung eine Fiktion inspiriert von realen Ereignissen ist. Doch während der infantile Hauptcharakter Juan (Gael García Bernal) und sein planloser Kumpel Wilson (Leonardo Ortizgris) Schöpfungen des Autorenduos sind, ist ihr spektakulärer Coup, der bis dato der schwerwiegendste Diebstahl von Museumsartefakten aller Zeiten, bemerkenswert wahrheitsnah nacherzählt. Doch der Kern der tragikomischen Kriminalposse ist nicht die Tat, sondern deren Reflektion durch die Charaktere.

Der vieldeutige Titel und das konstruktivistische Poster verweisen auf die steigende perspektivische Abstraktion, mit der die Filmemacher und ihre törichten Antihelden den Einbruch betrachten. Die Handlung konvertiert geschickt die abgenutzten Schemata des Heist-Movies und die Erwartungen des Mainstream-Publikums, in dem sie die besten Gags auf die bekannten historischen Umstände des Vorfalls aufbaut. Wenn eine von Azteken gefertigte Obsidian-Schale, die dem Gott der Lust, des Tanzes und Vergnügens geweiht war, Juan und einem alternden Pornostar (Leticia Brédice) als Saufkrug dient, scheint der Kunstgegenstand eher seiner Bestimmung zuzukommen als unter einem Glaskasten. Die Entfernung der Miniatur-Schätze aus den heiligen Hallen des Titelorts, der im Grunde eine monumentale Räubergrube ist, wird zum anarchischen Akt der Befreiung.

Enteignung und Verschleppung von Kunstschätzen ist das Fundament fast aller altehrwürdigen Sammlungen, deren Entstehungsgeschichte Juans Beutezug relativiert. Mit subtiler Ironie enthüllt Ruizpalacios, wie radikal ästhetische, ideologische und finanzielle Bedeutung von Kunst divergiert. Die Objekte sind zugleich Millionen und nichts wert. Während die Museumsbesucher fasziniert auf leere Schaukästen blicken, will sich selbst ein schmieriger US-Dealer (Simon Russell Beale) an der heißen Ware nicht die Finger verbrennen. Juan unterdessen glüht längst selbst für die Artefakte, die seinen Siegestaumel in einen mythischen Fiebertraum verwandeln. Die physische Berührung mit Relikten einer ausgelöschten Kultur eröffnet ihm das Museo in seineretymologischen Bedeutung und der Welt einen neuen Blick auf die Raubgüter, die schon lange vor ihrer medienwirksamen Entwendung solche waren.

Alonso Ruizpalacios nutzt den legendären Kunstraub als Vorlage einer vielschichtigen Exploration von nationaler und individueller Kunstsinnlichkeit und Kunstsinnigkeit. Gael Garcia Bernal besticht mit einer Interpretation der obskuren Motive als eine an Minderwertigkeitsgefühle, instabile Ideale und Zukunftsangst verlorene Jugend. Die Authentizität der schieren Dummheit aller involvierten Parteien macht die sardonische Momentaufnahme voll Insider-Gags noch ein Stück amüsanter und doppelbödiger.

  • OT: Museo
  • Regie: Alonso Ruizpalacios
  • Drehbuch: Manuel Alcalá, Alonso Ruizpalacios
  • Produktionsland: Mexiko
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 128 min.
  • Cast: Gael García Bernal, Leonardo Ortizgris, Alfredo Castro, Leticia Brédice, Simon Russell Beale, Lisa Owen, Ilse Salas, Bernardo Velasco
  • Beitragsbild © Berlinale
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