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Bärenkandidatin: Laura Bispuris „Figlia Mia“ strahlt im Berlinale Wettbewerb

Bärenkandidatin: Laura Bispuris „Figlia Mia“ strahlt im Berlinale Wettbewerb

Identität, deren Findung, mehr aber noch die Suche nach ihr prägen weiterhin das Schaffen Laura Bispuris. Die italienische Regisseurin, die vor drei Jahren ihren eindringlichen Debütfilm Sworn Virgin im Berlinale Wettbewerb präsentierte, kehrt nun mit einem ebenbürtigen Werk zurück. In Szenario und Atmosphäre könnten die beiden Dramen kaum unterschiedlicher sein und doch teilen sie mehr als die exzellente Darstellerinnenpräsenz Alba Rohrwachers. Als psychisch und finanziell gleichermaßen instabile Angelica verkörpert sie eine von zwei Mutterrollen der affektiven Ménage-à-trois. Deren Angelpunkt ist die 9-jährige Vittoria (eine Entdeckung: Sara Causa), die im Konflikt der Frauen ihre innere Zerrissenheit externalisiert sieht. Dennoch ist ihr nuanciertes Drama keine Geschichte von Spaltung und weiblicher Schwäche, sondern des Zusammenwachsens und universeller Stärke.

Die verborgene Kraft der Inszenierung spiegelt die der kindlichen Hauptfigur. Zu Beginn ist sie eine verunsicherte Außenseiterin, doch im Zuge der Verbindung mit ihrer biologischen Mutter Angelica reift das Mädchen zur entschlossenen Kämpferin mit völlig neu gewonnenem Selbst-Bewusstsein. Die finale Aufnahme Vittorias zieht eine subtile Parallele zu der von Sworn Virgin, dessen unterkühlte Farbpalette kontrastiert markant mit den sonnengebleichten Goldtönen Siziliens. Die Landschaft ist malerisch, doch das Klima rau, auch auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene. In dem von patriarchalischen Strukturen geprägten Fischerort ist die impulsive Angelica die für ihre sexuelle Freizügigkeit und Armut verachtete Angelica eine Ausgestoßene. Ihr verwahrloster Hof markiert den Gesellschaftsstatus geographisch. Eines von zahlreichen Symbolen, die den Film unterschwellig leiten.

Schwerwiegende Fragen nach Lüge und Wahrheit, Annahme und Ablehnung durchziehen den Plot. Niemals jedoch reduziert Bispuri die polarisierten Lebenskonzepte der gläubigen, behütenden Tina (Valeria Golino) und der leidenschaftlichen, abenteuerlustigen Angelica auf soziale Label wie gut oder schlecht. Jede gibt Vittoria essenzielle Dinge, die ihr die andere nicht geben kann, sei es Geborgenheit und Stabilität oder Unabhängigkeit und Mut. Die Bindung zu zwei Mutterfiguren macht deren Kind nicht eingeschränkter, sondern freier. Mit solch lebensnaher Beobachtung der individuellen Dynamik kindlicher und familiärer Entwicklung widerlegt die differenzierte Erzählung Klischeevorstellungen darüber, was Eltern oder Familie ausmacht. Ihre Erkenntnis ist zugleich progressiv und emphatisch: Familie entsteht nicht durch Blutsverwandtschaft oder Vormundschaft, sondern wächst einzig aus sich selbst heraus durch Freundschaft.

In vibrierenden Farben entwirft Laura Bispuri das packende Gruppenbild einer Familiengemeinde, die erst lernen muss, dass sie eine ist. Die Kamera durchkämmt die schroffe Szenerie an der Seite der kindlichen Hauptdarstellerin, dem sprühenden Kern des herausragenden Schauspieltrios. Ihre Figur ist nicht Keil, sondern Band zwischen zwei diametralen Persönlichkeiten, das alle drei stärker macht.

  • OT: Figlia Mia
  • Regie: Laura Bispuri
  • Drehbuch: Laura Bispuri, Francesca Manieri
  • Produktionsland: Italien, Deutschland, Schweiz
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 100 min.
  • Cast: Valeria Golino, Alba Rohrwacher, Sara Casu, Udo Kier, Michele Carboni
  • Beitragsbild © Berlinale
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