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Berlinale ’18: „Xiao Mei“ sucht nach einer Verschwunden, die sich selbst verloren hat

Berlinale ’18: „Xiao Mei“ sucht nach einer Verschwunden, die sich selbst verloren hat

Manchmal schien es, als würde sie weg driften, sagt Xiao Meis Halbbruder (Na Dow). Oft war sie mit den Gedanken woanders, sagt die Ladenbesitzerin (Yin Shin), deren Angestellte das Mädchen aus der Provinz war. Sie würde tagelang nicht auftauchen, berichtet ihr Vermieter (Chen Yi-Wen). Die ungreifbare Hauptfigur von Maren Hwangs Spielfilmdebüt war schon nicht mehr da, als ihr Umfeld sie noch wahrnahm. Es scheint nur konsequent, dass Xiao Mei (Jao Cincin) schließlich auch körperlich verschwindet. Niemand weiß, was mit ihr geschehen ist. Niemand fragt danach. Außer dem unsichtbaren Interviewer, vor dessen Kamera neun Personen ihre Erinnerungen an die abwesende Titelfigur mitteilen. Die Anekdoten enthüllen Bruchstücke eines kaputten Lebens, dessen Schemen durch das beklemmende Mystery-Drama geistert.

Mosaikartig fügen sich die Erzählungen der engeren und flüchtigen Bekannten zu einer diffusen Biografie, die Chronik einer schleichenden psychischen und sozialen Desintegration ist. Überall schien das Mädchen aus der Provinz nach Halt zu suchen, um nicht von dem Abgrund in ihrem Geist verschlungen zu werden. Doch die Menschen, nach denen sie die Hand ausstreckt, sind immer die Falschen. Manche suchen selbst verzweifelt Stabilität und können niemand anderes stützen, wie der Kindheitsfreund (Wu Chien-Ho), mit dem Xiao Mei erstmals Drogen nahm. Andere wollen ihre Verletzlichkeit ausnutzen wie der Manager (Laurence Chiu), bei dessen Firma sie sich bewirbt. Alle spüren, dass es ihr schlecht geht, dass etwas schrecklich schief läuft. Aber niemand will es wirklich wissen. Niemand will die Verantwortung.

Manche Gesprächspartner weisen sie brüsk von sich, andere blicken mit stillen Schuldgefühlen auf die Szenerie, in der die Verschwundene gleich einer Erinnerungsprojektion auftaucht. Sie selbst spricht kaum, weder mit ihren Bekannten noch den Mystikern, die ihr Qi beschwören wollen. „Es gibt viele Arten von Geistern“, sagt einer. Die Protagonisten ist einer davon. Ihre Persönlichkeit löst sich im Drogenrausch auf, ihr unstetes Leben fällt unaufhaltsam auseinander. In diesem Stadium der Zerrüttung manifestieren sich ihre unterdrückten Emotionen als neue Freunde. Sie sind mehr als Wahnvorstellungen einer Süchtigen: Personifizierung von Xiao Meis Qual, dessen sich ihre Mitmenschen zu spät bewusst werden. Der Schmerz überdauert und keiner von ihnen wird ihn je abschütteln können, genau wie den Schatten Xiao Meis.

In seinem elegant zwischen  Epitaph und Mystery-Krimi mäanderndem Kinodebüt findet Maren Hwang emphatische Bilder für das schmerzliche Entgleiten einer fragile Persönlichkeit. Seine von einer exzellenten Hauptdarstellerin getragene Episodengeschichte kreist um die gespenstische Leere, die bleibt, wenn Menschen unvermittelt verschwinden, und die unheimliche Präsenz von Dingen, die das Totschweigen nur lebendiger macht.

  • OT: Xiao Mei
  • Regie: Maren Hwang
  • Drehbuch: Maren Hwang
  • Produktionsland: Taiwan
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 98 min.
  • Cast: Jao Cincin, Chen Yi-Wen, Liu Kuan-Ting, Na Dow, Wu Chien, Yin Shin, Laurence Chiu, Wu Kang-Jen, Samantha Ko, Chang Shao-Huai
  • Beitragsbild © Berlinale
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