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Lonely together: Berlinale Kritik zu „The Silk and the Flame“

Lonely together: Berlinale Kritik zu „The Silk and the Flame“

Duldsamkeit ist ein Messer im Herzen, das einen langsam ausbluten lässt. Diese Worte verwendet der Vater der Familie, zu der Jordan Schiele seinen verschlossenen Protagonisten begleitet, um sein Dasein und das seiner Frau zu beschreiben. Nun wendet sein erwachsener Sohn die Metapher auf sein eigenes Leben an. Die Gemeinsamkeit verdeutlicht auf bedrückende Weise die imperative traditionelle und soziale Gebundenheit, von der sich kein Mitglied der Familie zu lösen vermag. Yao ist fast vierzig, doch gelebt zu haben scheint er bisher nicht. Nicht für sich selbst jedenfalls. Wenn, dann war es ein Leben gelebt für die anderen. Die Mutter ist nach einem medizinischen Behandlungsfehler taubstumm, der Vater ein Pflegefall. Yaos ältere Geschwister und deren Kinder verlassen sich auf seine materielle Unterstützung.

Es ist, als würde der Geschäftsmann eine Schuld abarbeiten, die er durch seine Geburt auf sich geladen hat. Ein Jahr nach Anordnung der Ein-Kind-Politik in China einen zweiten Sohn zu haben, kostete seine Eltern eine exorbitante Geldstrafe. Ein Leben scheint nicht genug, um die moralische Schuld abzuarbeiten. Von 94 Millionen Schülern in seiner Provinz war Yao der Beste, was ihm ein Elitestudium in Beijing ermöglichte. Er ist erfolgreicher Firmengründer, zahlt die Arztkosten der Eltern, das Haus seiner Geschwister und die Ausbildung seiner kleinen Cousins und Cousinen. Das Thema Kinder ist ein wunder Punkt, denn Yao hat keine. Seine Eltern und die Dorfgemeinschaft, für die er eine Art Lokalheld ist, fragen nicht, ob Kinder geplant sind. Sie fragen nur: wann?

Dass seine Eltern bestraft wurden, weil sie Kinder hatten, wirkt wie bittere Ironie im Angesicht des emotionalen und sozialen Drucks, dem ihr Sohn ausgesetzt ist. Die in lyrischen Schwarz-Weiß-Bildern festgehaltene Winterlandschaft wird zum kalten Spiegel der eingefrorenen Gefühle zwischen den Generationen. Er versuche, sie zu beschützen, sagt Yao in einem der intimen Gespräche mit dem Regisseur, und meint nicht nur Schutz vor Armut, sondern der Wahrheit. Die Handy-Bilder von einer Freundin, die nie dazu kommt, ihre Schwiegereltern in spe zu besuchen sind Teile eines schalen Lügenkonstrukts. Es ist zugleich Schutzmauer und Gefängnis, eines, das der Hauptcharakter wohl nie verlassen kann. Sein unauflöslicher Konflikt wurzelt tief in einem Gesellschaftskonzept aus Traditionalismus, Pflichterfüllung und Selbstverleugnung. Der einzige Gefährte bleibt die Einsamkeit.

Jordan Schieles fängt in poetischen Schwarz-Weiß-Szenen einen Familienbesuch im provinziellen China ein, der unterschwellig auf mehreren Ebenen die Konflikte einer zwischen Reaktionismus und Moderne zerrissenen Gesellschaft berührt. Über den Momenten unbeschwerten Zusammenseins liegt der Schatten unerbittlicher Erwartungen, hinter denen Generationen persönliches Glück zurückstellen muss. Die resignative Ehrlichkeit und emotionale Authentizität machen die zurückhaltende Charakterstudie zu einer ebenso wehmütigen wie berührenden Erfahrung.

  • OT: Fei’e Pu Huo
  • Regie: Jordan Schiele
  • Drehbuch: Jordan Schiele
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 87 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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