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Totenstille: Berlinale Kritik zu „The Silence of Others“

Totenstille: Berlinale Kritik zu „The Silence of Others“

Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie lebt weiter in den zahllosen Gräbern, die überall in Spanien an den Bürgerkrieg und die Jahrzehnte der Diktatur erinnern. Das Kolossalste von ihnen steht im Valle de los Caidos, dem Tal der Gefallenen. Ein turmhohes Steinkreuz markiert an dem erdrückenden Ort das Grab Francos. Bis heute legen seine Anhänger dort Blumen nieder. Andere Menschen legen ihre Blumengebinde an Straßenböschungen ab, mitten in der malerischen Landschaft. Dort gibt es weder Tafeln noch Kreuze, aber dafür Gräber. Die anonymen Massengräber der Hunderttausenden, die unter der Terrorherrschaft ermordet wurden, sind das finstere Geheimnis des trügerischen Naturidylls. Die Kinder und Enkelkinder der Opfer kämpfen einen zweifachen Kampf gegen das Vergessen.

Zum ersten Mal in 77 Jahren haben die Überlebenden und Hinterbliebenen die Chance, in einem internationalen Prozess ein Stück Gerechtigkeit zu erlangen. Der historischen Moment steht im Zentrum von Almudena Carracedos und Robert Bahars erschütternder Chronik einer Nation im Schatten ihres faschistischen Erbes. Die Franco-Ära ist in mehr als einer Hinsicht lebendig. Eine neue Generation junger Anhänger zelebriert die Jahre den Führerkult und die Täter von einst leben straffrei, behütet durch das Amnestiegesetz. Letztes ist eines der Haupthindernisse, dass die zähen Protagonisten der umfassenden Dokumentation überwinden müssen. Mit Hilfe einer chilenischen Richterin soll dies endlich gelingen. Der unerbittlichste Gegner der KlägerInnen ist die Zeit. Opfer und Täter haben beide nicht mehr viel.

Parallel zum Gerichtsverfahren begleitet das Regie-Duo die Nachfahren von Ermordeten, die um eine Exhumierung ihrer Anverwandten aus Massengräbern und würdige Beisetzung kämpfen. Es ist ein zermürbendes Ringen gegen die Mühlen der Bürokratie. Nur allzu gern breitet die populistische Fraktion des Landes den Mantel des Schweigens über die Untaten, die sich noch lange nach Ende der Diktatur fortsetzten. Zu den wenig bekannten Fällen zählen die der entführten Kinder. Sie wurden unter ideologischen und unter moralischen Vorwänden ihren Müttern weggenommen, um in Erziehungslagern und bei regimetreuen Familien nationalistisch indoktriniert zu werden. Wie viel von diesem Geist des Faschismus überdauert hat, zeigt der Umgang des Landes mit jenen, die heute das Schweigen über die Schreckensära brechen.

  • OT: The Silence of Others
  • Regie: Almudena Carracedo, Robert Bahar
  • Drehbuch: Almudena Carracedo
  • Produktionsland: USA, Spanien
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 95 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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