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Schöne Grüne Welt. Berlinale Kritik zu „The Green Lie“

Schöne Grüne Welt. Berlinale Kritik zu „The Green Lie“

Man habe ihm gesagt, er könne die Welt retten. Den Regenwald, die Delphine, die Orang-Utans … Moment, wer ist „man“? Egal, braucht das Publikum nicht zu wissen, denn jetzt kommt das große Aber. Aber! … das ist eine Lüge. Fünfjährige kippen bei derartigen Enthüllung zu Beginn von Werner Bootes neuer Doku-Kolportage vielleicht vor Überraschung aus dem Kinosessel. Echt, Dr. Oetker Pizzaburger ist weder nachhaltig noch gesund? Der Regisseur mag es kam glauben, als er es im Supermarkt hört. Dergestalt ist Bootes intellektuelle Geringschätzung gegenüber seiner Zielgruppe, dass er selbst den Grundbegriffe Greenwashing erklärt. Sein undifferenziertes Lehrstück kreist wie zuvor Plastic Planet und Population Boom um seine eigene Leinwand-Persona.

Die ist mit ihrem ablenkenden Gewitzel, eitlen Mätzchen und aufgesetzter Unbedarftheit über 97 Minuten schwer zu ertragen. Aber es gibt nach Bootes Kinderbildern zu Beginn und vor dem Saint-Exupery-Zitat am Ende zwei erwähnenswerte Randfaktoren. Zum einen die Prämisse, die zugleich unter Gegnern und Unterstützern der Öko-Bewegung auf Publikumsfang geht. Zum anderen Kathrin Hartmann. Die konsumkritische Autorin spielt die Stichwortgeberin, dank deren Kritik Boote den Wandel seiner Geisteshaltung vom ahnungslosen Konsumenten zum umweltbewussten Bürger vorspielen kann. Die Grüne Lüge des Titels ist keine, die der Film enthüllt, sondern eine, die er erzählt. Die Produktion ist Bootes persönliche Greenwashing-Kampagne, wenn auch weniger aufwendig als die RWEs und BPs.

Auf die falschen Nachhaltigkeitsversprechen der Konzerne verweist Boote, als habe er deren Verbrechen gegen Mensch und Natur soeben als Öko-Superman mit Hartmann als Sidekick selbst enthüllt. Aber wozu eigenständig recherchieren oder die eigene Sicherheit riskieren, wenn andere einem die Arbeit abnehmen? Einige jener anderen wie Sonia Guajajara, Vertreterin von Brasiliens indigener Bevölkerung, Wirtschaftstheoretiker Raj Patel und Noam Chomsky geben vor der Kamera konzise Einblicke in das Greenwashing-Geschäft der konventionellen Hersteller. Boote verwässert die essenziellen Statements mit egozentrischen Stunts. Seinem TESLA macht der Akku just im Tagebau Garzweiler schlapp. Was, Kohle und Kernkraft sind überhaupt nicht öko? Grün sei keine Wertkategorie, sondern eine Farbe, sagt Hartmann einmal. Wohl wahr.

Und eine vermeintlich grüne Doku ist manchmal nur eine scheinheilige Selbstbespiegelung, die sich einer populären Thematik wie bewusster Konsum nur annimmt, um das Image der Filmemacher zu optimieren. Wie Chomsky treffend sagt: „Adapt the proposal, reject the propaganda.“

  • OT: The Green Lie
  • Regie: Werner Boote
  • Drehbuch: Werner Boote
  • Produktionsland: Österreich
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 97 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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