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Noomi Rapace hofft vergeblich auf „Bessere Zeiten“ in Pernilla Augusts Romanverfilmung

Noomi Rapace hofft vergeblich auf „Bessere Zeiten“ in Pernilla Augusts Romanverfilmung

Da sei niemand, sagt Leena (Noomi Rapace), als das Telefon an ihrem Geburtstag klingt. Doch die Person am anderen Ende der Leitung lässt sich nicht so leicht abwimmeln. Sie sitzt tief vergraben in den Erinnerungen der Hauptfigur, die mittlerweile Familienmutter ist. Das Klingeln ist wie immer in so brav nach Fernsehspiel-Schema inszenierten Werken wie dem von Pernilla August ein paar Weckruf für Erinnerungen. Erinnerungen an das gebrochene Versprechen von einem besseren Leben ohne Alkohol und Kontrollverlust. Doch die Sehnsucht nach ein Jahren der Unbeschwertheit blieb ein leerer Wunschtraum für Leena. Die entbehrungsreiche Jugend des Mädchens steht im Mittelpunkt des skandinavischen Kitchen-Sink-Dramas, das nur an der Oberfläche der emotionalen Traumata kratzt.

Das unstete Sozialdramolett beginnt mit einem Krach, als Leenas über Jahre aufrecht erhaltenes Lügenkonstrukt vor den Augen ihres Mannes Johan (Ola Rapace) und der Töchter zusammenbricht. Ihnen gegenüber hat sie ihre Mutter Aili (Outi Mäenppäa) stellvertretend für die Vergangenheit für Tod erklärt. Schön peinlich, wenn Mama dann auf dem Sterbebett doch noch irgendwie ihre Tochter an den Apparat kriegt. Die Stimme holt Leena zurück in eine Zeit, deren seelische Erschütterungen bis in die Gegenwart nachbeben. Natürlich nicht so schwer, dass der in der Gegenwartshandlung glücklich und erfolgreich wirkenden Leena ernstlich Schaden entstanden wäre. Die psychischen Kratzer sind in der ambivalenten Inszenierung rein dekorativ. Sie geben der Protagonistin etwas Markantes, ohne ernstlich zu schmerzen.

Wie so oft im filmischen Unterhaltungsausflug zu den Assis da draußen am sozialen Rand, der sonst pikiert vermieden wird, erscheint das Dasein am Existenzminimum als Abenteuer. Kaum älter als ihre Töchter war Leena damals in den 60ern, in der nagelneuen Plattenbauwohnung. Es folgen Unterschichtklischees und Seifenopern-Drama am Fließband. „Sind wir ignorante Schweine, oder was?“, fragt Aili einmal. August antwortet in ihrem Regiedebüt mit einem ruppigen Ja. Aili und ihr Mann (Ville Virtanen) spülen ihren Frust und die Geldsorgen mit Alkohol runter. „Feste feiern“, nennt das Leenas Mutter und beharrt: Trotzdem ging es ihnen gut. Eine realitätsferne Lüge, mit der die Regisseurin ihrerseits das Publikum einlullen will. Das filmische Slumming soll ja unterhaltsam bleiben.

Weder Gegenwart noch Vergangenheit berühren emotional in der auf zwei Zeitebenen angelegten Romanadaption trotz des überzeugenden Spiels der Hauptdarstellerinnen. Pernilla August fehlt es an Gespür und scheinbar auch Kenntnis, vor allem jedoch am Willen das Kinderleben in einer kaputten Familie authentisch abzubilden. Misshandlung und Verwahrlosung gehen an den jungen Figuren praktisch spurlos vorüber und dienen gleichzeitig als abgeschmacktes Schmierentheater für ein Zielpublikum, das von all dem weit weg ist.

  • OT: Svinalängorna
  • Regie: Pernilla August
  • Drehbuch: Pernilla August, Lolita Ray
  • Produktionsland: Schweden
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 94 min.
  • Cast: Noomi Rapace, Ola Rapace, Outi Mäenpäa, Ville Virtanen, Alpha Blad, Tehilla Blad, Junior Blad, Selma Cuba
  • Kinostart: 08.12.2011
  • Beitragsbild © NFP marketing & distribution