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„We’re off to see the wizard…“ – Kritik zu „YellowBrickRoad“

„We’re off to see the wizard…“ – Kritik zu „YellowBrickRoad“

Die Straße zur Hölle ist mit gelben Ziegelsteinen gepflastert. Die Bevölkerung des entlegenen Ortes Friar hat diesen Weg eingeschlagen. Alle 572 Einwohner sind im Jahr 1940 nach Norden aufgebrochen, in einen unbekannten Teil New Hampshires, der bis heute nicht vollständig kartografiert ist. Dreihundert wurden gefunden. Dreihundert Leichen, ein paar erfroren, die übrigen abgeschlachtet. Von wem oder was, das will niemand wissen und darüber will niemand sprechen, besonders nicht vor der Kamera von Teddy Barnes (Michael Laurino) und seiner Freundin Melissa (Anessa Ramsey). Mehr als sieben Jahrzehnte später wollen sie mit einem Filmteam dem Mysterium auf den Grund gehen. Ranger Cy (Sam Elmore) und die junge Einwohnerin Jill (Tara Giordana) sollen sie auf auf dem den Pfad der Einwohner führen. YellowBrickRoad steht auf dem handgeschriebenen Schild, das ihnen als Wegweiser. Yellowbrickroad tauften Andy Mitton und Jesse Holland ihren cineastischen Trip an einen Ort, der böser ist als die Hexe des Westens.

Der Plot erinnert an Blair Witch Project, doch konzeptuell und inszenatorisch ist das Kinodebüt des Regie- und Autorenduos der minimalistischen Horror-Wanderung diametral entgegengesetzt. Die Optik der verwackelten Handkamera und den rauen Look einer Mockumentary ersetzt eine offen fiktionale, komplex und konzentriert gestaltete Phantasmagorie. Im Gegensatz zu Blair Witch Project ist das Kernmotiv nicht das Überschreiten landschaftlicher, seelischer und mythischer Grenzen, sondern ihr verwischen. Der verstörende Auflösungsprozess klingt bereits im zu einem drückenden Wortgespenst zusammengezogenen Filmtitel an: die Straße zur Smaragd-Stadt, die in Der Zauberer von Oz nie so hervortritt wie in Alexander Flemmings Filmadaption des Kinderbuchs. Der Klassiker lief zum Zeitpunkt des Verschwindens im Kino von Friar, der letzte Film, den sich die Einwohner ansahen, bevor sie von der suggestiven Kraft des fiktionalen Mythos verschlungen wurden. Das alte Kino wird zum Ausgangspunkt der Expedition in ein alptraumhaftes Nimmer-Nimmer-Land, in dem sich Kindheitsängste und intellektuelles Grauen vermischen. Während die Figuren in Blair Witch Project einer lokalen Legende nachspüren, erforscht das Filmteam mit dem realen Ereignis zugleich eine populärkulturelle Chimäre, die sie mit ihrer illusorischen Macht verschlingt. 

In der Waldeinsamkeit spielen Gespenstersonaten aus den 1940ern , die abebben und anschwellen ohne je zu verschwinden. Mit jedem Schritt auf der YellowBrickRoad dreht das Regie-Duo die Schrauben fester an der psychologischen Streckbank, auf die es die Protagonisten und das Publikum spannt. Der zermürbende Effekt der dissonanten Musik durchdringt die Leinwand. Sie lässt die Gruppe, zu der die Kartografen Erin (Cassidy Freeman) und Daryl (Clark Freeman), der Psychologe Walter (Alex Draper) und die junge Einheimische Jill (Tara Giordano) gehören, immer gereizter miteinander werden. Bedrohlicher als die schwelenden Spannungen unter der Filmcrew ist der Sog der Melodie, die einem Musical-Song gleicht: „Follow the Yellow Brick Road. Follow the Yellow Brick Road. Follow, follow…

Die Bevölkerung Friars ist der Melodie gefolgt wie die Kinder dem Rattenfänger von Hameln: eine unheimliche Prozession auf dem Weg zur Smaragd-Stadt. Ungreifbar wie Symbol für imaginären Reichtum wird eine Umkehr. Irgendwann funktioniert die technische Ausrüstung nicht mehr. Wo und wer sie sind, wird erdrückt von kreischenden Lauten und dem Wahnsinn der so genannten „walkers“ Friars.

Seine minimalen finanziellen Mittel schöpft das makabere Midnight-Movie zugunsten solider Effektivität aus. Überrumpelnd und bizarr wird der letzte Akt der Inspirationsquelle gerecht, die der Filmtitel evoziert. Frank L. Baums Figuren finden nicht den Zauberer von Oz, sondern einen Manipulator, der jedem von ihnen in anderer Form erscheint. Auch die filmischen Wanderer verfolgen ihre persönlichen Hirngespinste, doch bevor sie heim dürfen, müssen sie töten. Nur ein Hut bleibt von der Bösen Hexe des Westens und einen alten Hut findet das Filmteam unterwegs. Die Erklärung für den Schrecken, dem es nachspürt, entdeckt es dort, wo Dorothy und ihre Freunde ihre ersehnten Stärken finden: in sich selbst.

  • Beitragsbild © Great Movies GmbH
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