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Do(n’t) look now! Michael Powells „Peeping Tom“ spielt mit der Macht des Blicks

Do(n’t) look now! Michael Powells „Peeping Tom“ spielt mit der Macht des Blicks

Bereits The Red Shoes und Tales of Hofmann waren visuelle Spektakel, unter deren irisierender ästhetischer Oberfläche ein dunkler Subplot aus Manie, Grausamkeit und Perversion brodelte. So scheint es trotz des äußerlichen Kontrasts der märchenhaften Ballette und des realistischen Thrillers nur konsequent, dass Michael Powell sich schließlich unmittelbar mit der abgründigen Facette des Schauens auseinandersetzte. Der erneute Einsatz von Moira Shearer in einer doppeldeutigen Schlüsselrolle betont die motivische Verknüpfung, die einer selbstreflexiven Korrosion des männlichen Blicks kulminiert. Diese radikale Dekonstruktion einer Perspektive, die nicht nur als kinematische, sondern kulturhistorische Norm injungiert ist, erzürnte die konservative Medienkritik und Zuschauerschaft ebenso wie die kühle Bloßstellung des alltäglichen Voyeurismus. Das aggressive Echo wurde zur zynischen Real-Parallele der psychopathischen Reaktion des Hauptcharakters.

Mark Lewis (Karlheinz Böhm) bestraft die menschlichen Schauobjekte für das Verlangen, das er nach ihnen verspürt. Das mörderische Kamerastativ fungiert als mechanischer Phallus, der seine gekränkte Maskulinität bestätigen soll. Der Regisseur bricht mit dem gängigen Duktus, der die Schuld für männliche Gewalt und Perversion direkt oder indirekt weiblichen Figuren zuschreibt. Ursache von Marks Komplex ist nicht eine beherrschende Mutterfigur, sondern ein brutaler Vater, der ihn als Kind zum Studien- und Schauobjekt macht. In eine Rolle gedrängt, die traditionell Frauen aufgezwungen wird, fühlt Mark eine Emaskulation, vor der er beständig flieht. Entkommen kann er einzig in den Momenten, in denen er selbst die Funktion eines sadistischen Regisseurs versetzt. Eine selbstkritische Szene, deren sarkastisches metatextuelles Potenzial Powell voll ausschöpft.

Schaulust in ihren verschiedenen Ausformungen steht im Zentrum des doppelbödigen Thrillers, der die sexuell aufgeladene Perspektive zugleich analysiert, seziert und zelebriert. Vor der Observation gibt es kein Entrinnen, am wenigsten für das trügerisch sichere Kinopublikum. Es ist doppelter Beobachter – Komplize des Mörders und des Regisseurs, der ihm einen Vexierspiegel vorhält. Das verstörende Psychogramm enthüllt eine bigotte Gesellschaft, die nach sensationellen Aufnahmen lechzt: in Sexheftchen, Privatvideos, Live-Shows und auf der Leinwand. Moral- und Normverstöße werden in einem Atemzug ausgekostet und verurteilt. In einer Gemeinschaft voller Voyeure ist jeder permanent exponiert und gezwungen zu sittsamer Scharade. Powell verweigert sich rigoros dieser Maskerade. In einem provokanten Twist macht seine Anamnese die versteckten Spanner zu Zeugen ihrer eigenen morbiden Triebe.

Michael Powells lange Zeit verfemtes Meisterwerk vereint vielschichtige Analyse des Schauens und kalte Demaskierung einer verlogenen Gesellschaft, die in ihrem Moralkonzept ebenso pathologisch agiert wie ihrer unterdrückten Sexualität. Psychologisch präzise und inszenatorisch ingeniös, gelingt dem Regisseur und den exzellenten Darstellern ein hochintelligenter Thriller, dessen Horror die rigiden Strukturen eines pervertierten Patriarchats sind. Die Zuschauerschaft wird zum Peeping Tom und mit den Implikationen des eigenen Blicks konfrontiert.

  • OT: Peeping Tom
  • Regie: Michael Powell
  • Drehbuch: Leo Marks
  • Produktionsland: UK
  • Jahr: 1960
  • Laufzeit: 101 min.
  • Cast: Anna Massey, Karlheinz Böhm, Maxine Audley, Moira Shearer, Pamela Green, Michael Powell
  • Kinostart: 07.04.1960
  • Beitragsbild © Arthaus
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