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„Endlich“ dokumentiert die letzten Dinge

„Endlich“ dokumentiert die letzten Dinge

Das hier sei Endstation, umschreibt es einer der Protagonisten lakonisch. Das Leben ist zu seinem Schlusspunkt gelangt. Nun kommt nichts mehr. Stimmen aus dem Grab wenden sich an den Zuschauer in den ersten Momenten, von einer Gruppe Darsteller intoniert gleich dem Chor im griechischen Theater. Katja Dringenbergs und Christiane Voss Reportage ist ein dokumentarisches Nachsinnen über die Vergänglichkeit von Körper und Geist, das mit ruhigem Blick jene Stätten aufsucht, an denen sich die menschliche Existenz als flüchtig zeigt, wie es der Titel anklingen lässt.

Unaufdringlich beobachtet die Kamera Bestatter, eine Trauerrednerin und die unterschiedlichen Arbeiter der Beisetzung bei einem Berufsalltag, der niemals ganz einem gewöhnlichen entspricht. Zum einen ist da der uralte Skeptizismus gegenüber Berufen innerhalb der Sterbeindustrie, deren karitative Aspekte und Bedeutung für die Trauerbewältigung ebenso Eingang in die Handlung finden wie der organisatorische und psychologische Anspruch. Seine Kunden haben alle Zeit der Welt, Volkan Coskun nur einen Versuch, bei dem alles klappen muss. „Heiraten können sie fünfmal“, sagt einer seiner Berufskollegen. „Aber es gibt nur eine Beerdigung.“ Der würdige Ablauf muss sorgsam eingeübt werden, wie es der einziger Lernfriedhof Europas in Münnerstadt angehenden Bestattern ermöglicht. 

Den Umgang mit der emotionalen Belastung müsse jede_r für sich lernen. Das Miterleben von Verlust, Schmerz und Vergessen, wie es etwa jener Toten zu widerfahren scheint, deren Beerdigung nur Grabrednerin und eine Betreuerin der Verstorbenen beiwohnen, während die Dokumentation des Ereignisses eine weitere Besucherzahl gibt, lässt sich nicht verhindern. „Man hat die Bilder, muss verarbeiten.“ Für die professionell Einbezogenen gilt dies wie für die Hinterbliebenen, deren Trauerarbeit als Familienaufstellungen erlebbar wird. Der Unfall. Der Todesfall. Der Normalfall. Der Abfall. Der Testfall. Der Zweifelsfall. Der Sonderfall. Der Trauerfall. Jedes der Filmkapitel verweist auf einen anderen Aspekt des Sterbens und der Vorgänge, die der Gesellschaft den Umgang mit ihm ermöglichen. 

Und danach? Alle Seelen würden bei der Auferstehung geweckt, sagt die evangelische Pfarrerin. Anders der Vorsitzende deutschsprachiger Muslime, der die infernalischen Feuer dennoch nicht fürchtet: schön warm und die ewige Glückseligkeit würde irgendwann langweilig. Der Rabbi beschreibt einen stufenweisen Aufstieg in den höchsten Himmel, der Buddhist einen Übergang der Energie in die Natur. Machtlose irdische Glaubenslichter gegen die gähnende Dunkelheit. 

Und davor? Der Chor zitiert Furcht, Qual und Leid von Sterbenden: „Es fühlt sich an als wenn ein böses Tier meinen Körper auffrisst“, „Einem Hund gibt man die Spritze, wenn er nicht zu heilen ist. Aber einen Menschen lässt man zappeln“, „Kein Mensch kann so leben, immer den Tod vor Augen“ Dennoch tun es alle, ob sie regelmäßig damit in Berührung kommen wie die Protagonisten, selten wie die meisten Menschen oder nur einmal, wenn es sie erwischt. Die dokumentarische Erkenntnis ist profan, doch relevant. Der Sterbevorgang verliert an Schrecken, je offener man ihm begegnet. Ein kleines Stück trägt Endlich dazu bei. 

  • OT: Endlich 
  • Produktionsland: Deutschland 
  • Jahr: 2011
  • Regie: Katja Dringenberg, Christiane Voss
  • Drehbuch: Katja Dringenberg, Christiane Voss
  • Laufzeit: 80 Min. 
  • Kinostart: 3. November 2011
  • Beitragsbild © X Verleih
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