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Ausblick auf das Morgen: „Fenster zum Sommer“

Ausblick auf das Morgen: „Fenster zum Sommer“

Winter. „Haben wir Winter?“ Fuhr Juliane nicht erst gestern mit ihrem Freund August (Mark Waschke) entlang der finnischen Wälder in eine Sommernacht? Lagen sie nicht gemeinsam am Ufer eines Waldsees? Und vor dem Einschlafen fragte Juliane (Nina Hoss) August, was gewesen wäre wenn. Wenn sie sich damals nicht mit Emily (Fritzi Haberlandt) verabredet hätte, wenn sie auf dem Weg nicht August begegnet wäre und Emily nicht durch einen Autounfall umgekommen? Hendrik Handloegten macht die Protagonisten und Zuschauer seines atmosphärischen Mystery-Films zu Figuren des reizvollen Gedankenspiels. Der inszenatorische Blick durch Titelobjekt forscht nach der Bedeutung von Zufall und Schicksal im Zwielicht von Liebe und Verlust. 

Welchen Tag haben wir heute?“, fragt Juliane auf dem Arbeitsweg durch das verschneite Berlin. Mehr als die Antwort verwirrt die Dolmetscherin, dass ihre Freundin Emily sie gibt. Emily, die schon seit Wochen tot war und nun redet, wie sie damals im Februar zu Juliane gesprochen hatte. Februar. Draußen ist es der erste Februar in diesem Jahr nur für Juliane ist es der zweite. Ein gespenstisches Deja-vu, aus dem es keinen Ausweg und keine Rückkehr in die Zukunft gibt, die für die verstörte Protagonistin in einer zerfallenden Beziehung schon Gegenwart war. Sie muss sich erinnern an all die nichtigen Details und Kleinigkeiten: welches Menü sie in der Mensa bestellt hat, welchen Fuß sie zuerst durch die Tür gesetzt hat. Um alles wieder genauso zu machen, damit sie wieder neben August einschlafen kann, in einer Sommernacht auf dem Weg nach Finnland.

Ein schüchterner Mann bekommt keine schöne Frau“, flüstert Juliane August bei einer Begegnung zu, die sie in der zum wiederholten Vergangenheit zum ersten mal erlebt. Dass August ihr den Satz auf Finnisch sagt, ohne seine Bedeutung zu kennen, deutet auf dessen allegorischen Sinn. Aus ihm spricht Julianes Gefühl, auf das zu hören sie Emilys Sohn (Lasse Stadelmann), rät. Sie könne alles anders machen, sagt er. Nur im entscheidenden Moment müsse sie gleich handeln. Doch woher wissen, dass der besondere Augenblick eintreten wird? Wenn man ihn sich verwehrt, weil man in den Lauf des Schicksals eingreift durch eine unbedachte Tat – oder eine gezielte Handlung, das Verhindern eines schrecklichen Ereignisses wie Emilys Tod. Auch wenn sie August nicht zufällig begegnet, könnte Juliane ihn einfach ansprechen, wie es Emily bei einem Kollegen (Christoph Bach) tut: „Vielleicht kennen wir uns ja doch: aus einer anderen Zeit oder von einem anderen Ort“.

Die freie Verfilmung Hannelore Valencaks gleichnamigen Romans taucht der Regisseur und Drehbuchautor in eine kühle Farbpalette, die unheilvolles Licht über die Romanze wirft. Liebe und Tod spielen einander im eleganten Halbdunkel der Nachtszenen und frostigen Tageslicht in die Hände. Beim Versuch, die ineinander verflochtenen Fäden des Schicksals zu trennen, droht Juliane ihren emotionalen Halt zu verlieren. Den innere Konflikt schafft das Abwägen zwischen unterschiedlichen Arten persönlichen Verlusts. Juliane versucht Trennung und Schmerz auszuweichen, nur um zu erkennen, dass sich das Schicksal nicht betrügen lässt. Ein Hauch Final Destination legt sich über das Kinokonstrukt, doch nicht der Tod fordert sein Recht, sondern die Vorsehung. Doch selbst die löst nicht die Wirrnisse und Widersprüche des des düster-symbolischen Beziehungsdrama, welches das routinierte Ensemble kreiert. 

  • Beitragsbild © Prokino
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