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(Selbst)Spiegelungen: „Je suis Annemarie Schwarzenbach“ im Berlinale Panorama

(Selbst)Spiegelungen: „Je suis Annemarie Schwarzenbach“ im Berlinale Panorama

Irgendwo in einem Museum läuft vielleicht gerade in diesem Moment der erste abendfüllende Film von Veronique Aubouy. Wobei abendfüllend nicht ganz korrekt ist. Proust Read füllt mehrere Abende mit rund 120 Stunden Laufzeit. Letzte könnte noch um einiges anwachsen, denn die epische Proust-Lesung ist ein cineastischer Marathon-Vortrag verschiedener Vorleser. Wer ein eingefleischter Fan von Aubouys Werk ist, sich vom Konzept der filmischen Rezitation kaum kontextualisierter Inhalte angezogen fühlt, aber schon beim Harry Potter-DVD-Abend schlapp macht und dazu alles über Schwarzenbach weiß oder eigentlich nichts von ihr wissen will, hat auf Je suis Annemarie Schwarzenbach quasi gewartet.

Das gilt wohl eher für eine überschaubare Zahl ZuschauerInnen. Die wenigsten kennen ein paar Eckdaten aus dem Leben der Schweizer Schriftstellerin und Journalistin, um die es gehen soll. Zu den Eckdaten kommt noch immer gleiche Zitate, die Schauspieladepten vor der statischen Kamera aufsagen. Bedauerlich ist diese hohlen Stilübung, da die Schwarzenbach eine hochinteressante Persönlichkeit gewesen zu sein scheint. Ob das zutrifft und wenn ja, was ihre Faszination ausmachte, vermag das stumpfe Re-Enactment nicht aufzuzeigen. Die als Dokumentation gelistete Casting-Show, bei der alle Teilnehmerinnen und ein Teilnehmer die Protagonistin verkörpern, scheint am vorgeblichen Thema kaum interessiert. Schwarzenbach, die Bücher, Essays und Artikel verfasste, gegen ihr nationalsozialistisches Elternhaus aufbegehrte, Frauen liebte und sich nach Urteil ihrer Zeitgenossen wie ein Mann kleidete und benahm, dient als McGuffin. Wenn die reale Schwarzenbach, die mit nur 34 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls starb, nur annähernd so komplex war, wie es aus Briefen und Büchern referierte Sätze nahelegen, genügen aufgesetzte Vortragsposen nicht, um sie zu erfassen.

Womöglich hat Aubouy einfach die erstbeste Persönlichkeit genommen, deren Wikipedia-Biografie zum Motto „rebellische Frauenfigur“ passte. Das Resultat ist eine zähe Trockenübung, deren aparte Titelfigur eine unscharfe Kontur auf ausgedruckten Fotografien bleibt, fast als sei allein schon eine bildliche Präsenz zu viel Schwarzenbach. Wenn Aubouy einer weniger bekannten Person zu mehr Renommee verhelfen will, dann sich selbst. Zeigenswert scheint ihr alles, was mit ihr selbst und ihrem Projekt zu tun hat: Amateurmusiker, die auf E-Gitarren schrammeln, ein Spaziergang in improvisierten Kostümen, eine Handvoll Rollenanwärter, die vom Papier ablesen, das „Casting“-Schild, das auf- und abgehängt wird, der Staubsauger, der nochmal reinemacht. In einer Ausstellung würden die zu bemüht und gewollt wirkenden Einsprengsel weniger stören. Auf einem Festivals, bei dem es um Kino- und nicht um Installationsfilme geht, sind sie ärgerlich.

Carole Bonsteins Dokumentation Annemarie Schwarzenbach: a swiss rebel findet anhand zahlreicher Privat- und Zeitdokumente einen weit prägnanteren Zugang zu der Künstlerin.

  • OT: Je suis Annemarie Schwarzenbach
  • Regie: Véronique Aubouy
  • Drehbuch: Véronique Aubouy
  • Produktionsland: Frankreich
  • Jahr: 2015
  • Laufzeit: 85 min.
    François Marcelly-Fernandez, Lam Son N’Guyen
  • Beitragsbild © Berlinale