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Berlinale ’15: „Il Segreto di Otello“ schwadroniert sich zur Restaurant-Reklame

Berlinale ’15: „Il Segreto di Otello“ schwadroniert sich zur Restaurant-Reklame

Otello ist ein Ort, wo 50 Prozent der Drehbücher des italienischen Kinos geschrieben wurden“, prahlt einer der betagten Gäste des titelgebenden Restaurants. Ein Drehbuch scheint dort auf jeden Fall entstanden zu sein: das von Francesco Ranieri Martinottis filmischer Verneigung, die das Geheimnis des Otellos zu enthüllen verspricht. Für die meisten ist die erste Enthüllung wohl, dass es mehr berühmte Othellos gibt als den bei Shakespeare. Harry’s New York Bar, Les Deux Margots, Café Central, Sloppy Joe’s – aber Otello? Nie gehört. Das will Martinotti nun ändern.

Dass dem Regisseur das mit nostalgischen Innenansichten des zentralen Orts gelingt, scheint fraglich. Die Hälfte der Zuschauer wird es wohl den Kritikern gleichtun, die überdrüssig die Pressevorführung verließen. Der Rest fragt sich vermutlich das gleiche wie die Kritiker, die standhaft bis zum Ende der 64 Minuten Laufzeit aushielten. Was unterscheidet das Otello von einem x-beliebigen Club oder Speiselokale, die vorübergehend zum Promi-Hotspot werden? Wer kocht hier was und was ist daran so toll? Wer sind all die grauen Herren, die hier augenscheinlich seit Jahrzehnten Tag ein, Tag aus palavern? Haben die kein Zuhause? Okay, Robert De Niro, der mit seinen 71 Jahren gut das Durchschnittsalter der Besucher trifft, hat bestimmt eines oder sogar mehrere. Aber De Niro sieht man nur wenige Minuten; der Höhepunkt für alle, die sich für den einzigen Schauplatz der Doku als angeblichen Fixpunkt der neorealistischen Filmszene interessieren. Ja, all die legendären Filmemacher sind hier ein- und ausgegangen, haben Pasta gegessen, Vino getrunken und Meisterwerke verfasst. Antonioni, Fellini, Minnelli, nicht zu vergessen Pasolini! Dem hat Otello, wie es heißt, sogar das Leben gerettet.

Ich bringe mich um!“, soll der Filmemacher und, wenn man den Beteuerungen zahlreicher Otello-Gäste glaubt, „große Freund von mir“ Pasolini einmal ausgerufen haben. Sein Produzent Alfredo Bini erwiderte daraufhin: „Ich halte dich nicht davon ab, aber zuerst gehen wir zu Otello essen.“ Ob ein Teller Comfort Food irgendwo anders die gleiche Wirkung gehabt hätte oder Pasolini auch auf nüchternen Magen überlebt, bleibt unklar. Ein bisschen muss was an der Story dran sein, soll man glauben, sonst würde sie nicht so oft erzählt werden: in der Filmbeschreibung im Programmheft, dann nochmal vor der Pressevorführung und natürlich auf der Leinwand. Dass die Anekdote so hervorgehoben wird, ist verständlich, denn viel mehr gibt es über die illustren Gäste offenbar nicht zu erzählen. Außer eben, dass sie da waren. Belege in Form von Archivaufnahmen, Fotos oder Textdokumenten liefert Martinotti nicht. Die Kamera streift unter den redseligen Männern und ein paar wohl aus rein dekorativen Gründen mitgefilmten jüngeren Frauen umher, als handle es sich um ein Familienvideo von Opas 60. Das passende Ständchen dazu singt Donovan, zu dessen Auftritt den Kritikern vorab mitgeteilt wird „Es ist tatsächlich Donovan!“.

Sogar den Machern der repetitiven Lobpreisung scheint bewusst, wie opportunistisch ihr Kokettieren mit dem Ruhm Verblichener wirkt. „Otello war wie unser eigenes Zuhause“, sagt einer der Besucher, „Ein Ort, zu dem man hin kommen konnte und finden, wen man suchte.“ Nur Cineasten, die Minnelli, Anna Magnani, Antonioni und Sophia Loren haben Pech gehabt. Und das so brennende Geheimnis von Otello? … ist womöglich, dass die Osteria es geschafft hat, ihren kleinen Werbefilm ins Festivalprogramm zu lancieren. Aber besser nicht zu harsch kritisieren! Immerhin weiß man jetzt, was Pasolinis Selbstmordeinfall ausgelöst hat: negative Filmkritiken! Zum Glück weiß Martinotti, wo er im Falle eines Falles essen gehen muss.

  • OT: Il Segreto di Otello
  • Regie: Francesco Ranieri Martinotti
  • Drehbuch: Silvia Scola
  • Produktionsland: Italien
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 62 min.
  • Beitragsbild © Berlinale