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Berlinale ’15: „Buscando a Gastón“ nimmt den Mund zu voll

Berlinale ’15: „Buscando a Gastón“ nimmt den Mund zu voll

Er besitzt 44 Restaurants und hat noch weitere in Planung, ist Star eines eigenen TV-Programms, Gründer einer Gastronomischen Universität, Verfasser mehrere Bücher und gern gesehener Interviewpartner in aller Welt. Die liegt dem Titelprotagonisten von Patricia Perez filmischer Glorifizierung womöglich bald zu Füßen wie sein Heimatland. In Peru ist Gaston Acurio ein Idol, das auf der Straße Menschenaufläufe verursacht und weibliche Fans in Freudentränen ausbrechen lassen kann, wie in Bollywood Shah Rhuk Khan. Acurios Reich ist allerdings die Küche, nicht die Leinwand – bisher.

Nachdem Perez 2011 für ihr Regiedebüt Mistura: The Power of Food mit Acurio zusammentraf, entschied sie, dass eine Kurzdoku schlicht nicht ausreiche, um seine Verdienste zu preisen. Statt eines Porträts zeichnet die Regisseurin eine Ikone. Kollegen aus der Sterne-Gastronomie stimmen mit Lobliedern auf den Grundton ein: „Das ist Ethik, das ist kochen mit einem sozialen Ansatz.“ Was in der Haute Cuisine noch wichtiger ist: es ist teuer und sieht danach aus. Food Porn! Schwärmen über Speisen sei Tradition unter Peruanern, erläutert ein Nahrungsforscher: „Peruaner lieben Essen. Immerzu essen sie entweder oder reden übers Essen.“ Acuri ist da keine Ausnahme, doch seine Phrasen haben erzieherischen Auftrag: Kochen sei eine Möglichkeit gesellschaftliche Werte zu vermitteln. Illustriert wird dies durch Szenen, wie er auf Märkten regionale Zutaten auswählt, Bäuerinnen in traditioneller Tracht beim Getreideanbau besucht, seine Menüs aus saisonalen Produkten zusammenstellt und einfache Fischer würdigt: „Die peruanischen Fischer führen jeden Tag einen Kampf. Ihr arbeitet hart und am Ende des Tages streichen die anderen die Gewinne ein.

Aber zum Glück ist Acurio ja ganz anders als die anderen! Er besucht eine Tagesstätte, wo ihn jedes Kind zu kennen scheint. Beim Kochen kennen sie sich weniger aus. Auf die Frage nach den Zutaten zu einem landestypischen Gericht ruft einer der Kleinen „Flugzeug“. Das geht so nicht, also baut Acurio seinen jüngsten Bewunderern erstmal eine Lehrküche. Kein Wunder, das manche Peruaner ihn sogar als Präsidentschaftskandidaten sahen, erinnert doch das, was er vor der Kamera veranstaltet, an Wahlkampf. Wenn er nicht mit offiziellen Ehrungen oder persönlichem Dank überhäuft wird, wiederholt er biografische Anekdoten und seine Mission: seine Heimatküche überall populär zu machen. „Diese Reise, die peruanisches Essen um die Welt trägt, hat gerade erst begonnen“, erklärt der Chefkoch, der 2008 ein eigenes Food Festival – das Mistura – auf die Beine stellte. Alain Ducasse prophezeite vor einigen Jahren, als Ceviche noch nicht Hummerschaum-Suppe als Standard-Entree abgelöst hatte, Peru würde einer der führenden Akteure in der globalen Food Szene werden. Da Acurio augenscheinlich als Personifizierung der peruanischen Kochkunst wahrgenommen wird, ist sein filmischer Auftritt in Perez‘ Dokumentation nicht ohne Ironie.

Womöglich ist er auch Platzhalter für den echten Acurio, der gern als Berlinale-Koch gesehen worden wäre. Solange die Dinner des Kulinarischen Kino trotzdem ausverkauft sind, ist seine Abwesenheit sicher halb so wild. Im Kino gilt für die Betreiber das gleiche wie in Restaurants: Hauptsache, die Plätze sind voll.

  • OT: Buscando a Gaston
  • Regie: Julia Patricia Pérez
  • Drehbuch: Julia Patricia Pérez
  • Produktionsland: Peru
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 76 min.
  • Beitragsbild © Tiberiusfilm © Berlinale