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Berlinale ’15: „Snow Pirates“ erzählt ein karges Wintermärchen

Berlinale ’15: „Snow Pirates“ erzählt ein karges Wintermärchen

Der junge Serhat (Taha Tegin Özdemir) lässt seinen Blick über die schier endlose Weite gleiten. Die Landschaft, die vor ihm liegt, ein Meer aus Schnee und Eis. „Wo hast du das Meer gesehen?“, fragt einer der Freunde, die wie er an der Schwelle zum Jugendalter stehen und mit ihm in einem entlegenen türkischen Dorf Heizkohle aufzutreiben versuchen. Doch der unermüdliche Held von Faure Hacihafizoglus Jugendfilm hat eigenen Träume, in denen er mühelos das Eis beherrscht: auf den Schlittschuhen, hinter denen er ebenso her ist wie nach dem nächsten Stück schwarzen Goldes.

Vielleicht sähen sie ihn ja eines Tages bei den Olympischen Spielen, bemerkt der Student Verdat, der den Nachbarjungen bei sich Sportsendungen über Eiskunstlauf ansehen lässt. Eigentlich wollte Serhats Vater, der zum Arbeiten nach Deutschland gegangen ist, längst einen Fernseher schicken. Bis dahin erzählt der Junge seinem geschwächten Großvater, er würde nebenan historische Kriegs-Dokus gucken. Tatsächlich hat Serhat die Nase voll von den gewalttätigen Auswüchsen geschichtlicher Umbrüche, die er in seinem Heimatort miterleben muss. Die Hymnen auf den neuen Staat, die den Kindern in der Schule abgefragt werden, kriegt er nur bruchstückhaft zusammen. Dafür weiß er von seinem Kumpel Gürbüz (Yakup Özgür Kurtaal), wo man trotz Rationierung Heizgut zusammenklauben kann. Gemeinsam mit Ibo (Ömer Uluc), der sich an der heimlichen Verliebtheit in eine Klassenkameradin zu wärmen sucht, ziehen die Jungs ihre Schlitten zwischen Schutthalden, Güterbahnhof und der Kohle-Ausgabe hin und her. Doch die Vorräte werden immer knapper und schließlich helfen sie mit eigener Hand etwas nach, damit Reste vom Kohlekarren fallen.

Das bringt die Freunde um ihre zur Brenngut-Beschaffung so wichtigen Schlitten und Ärger mit den Autoritäten, die wenig Sinn für Kinderstreiche haben. Die Kälte zehrt an den Einwohnern des kleinen Orts nah der nordöstlichen Grenze und nicht nur die äußerliche Kälte. Das politische Klima liegt 1981 unter dem Gefrierpunkt. Der Staatsstreich soll Stolz, Sicherheit und Einheit der Nation bewahren, doch von inneren Konflikten oder ethnischen Unruhen ist in dem Ort mit seiner Bevölkerung aus Türken, Kurden, Armenier und Russen nichts zu sehen. Im Gegenteil helfen die Menschen einander. Wer heizen kann, lässt die anderen zum Aufwärmen in sein Haus, selbst wenn es nur ein Zimmer hat. Die Kargheit des täglichen Lebens ist in Hacihafizoglus ruhigen Szenen stets spürbar, dennoch ist sein Spielfilmdebüt keine Geschichte reiner Entbehrung. Zusammenhalt gibt den Kindern Kraft und die brauchen sie gegenüber einem Gegner, der unbarmherziger ist als die Kälte. Ein Graffiti an einer Mauer ruft „Zur Hölle mit der faschistischen J“. J steht für Junta, deren Präsenz durch Patrouillen, Sperrstunden und Nachrichten von willkürlichen Hinrichtungen eine Atmosphäre ständiger Bedrohung erzeugt.

Es gäbe immer einen Silberstreifen am Horizont, meint Serhats Großvater. Am Ende kommt auch dieses Jahr wieder der Frühling. Doch weder ist der junge Protagonist der alte, noch ist es der Ort, auf den er blickt.

  • OT: Kar Korsanlari
  • Regie: Faruk Hacihafizoglu
  • Drehbuch: Faruk Hacihafizoglu
  • Produktionsland: Türkei
  • Jahr: 2015
  • Laufzeit: 90 min.
  • Cast: Ömer Uluç, Yakup Özgür Kurtaal, Taha Tegin Özdemir
  • Beitragsbild © Berlinale