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Säen & Ernten: Berlinale Kritik zu „Le Semeur“

Säen & Ernten: Berlinale Kritik zu „Le Semeur“

Er trägt ein ganzes Feld voller Erdfrüchte auf dem Kopf herum. Er liegt unter freiem Himmel lesend in der Badewanne während gleich daneben eine Band aufspielt. Er fotokopiert Generationen von Steckrüben und hängt aus den Bildern eine Ahnengalerie auf. Er paradiert von mit Grün geschmückten Musikanten gefolgt bei Sonnenschein mit aufgespanntem Regenschirm über die Landstraßen und überbringt mit der drolligen Prozession eine Kette aus Monstranzbohnen einer alten Dame. Die so Geehrte hat ihm Saatgut gegeben, das nur noch in ihrem Garten vorkam. Ein Schatz, verborgen zwischen Löwenzahn und Gräsern, den der Titelprotagonist von Julie Perrons familiärer Dokumentation hebt, um ihn tausendfach zu teilen: Denn er ist der Säer.

Der eigentliche Name des eigenwilligen Helden der robusten Kreuzung von Agrarlektion und Charakterporträt ist Patrice Fortier. Er ist ein Künstler, der kuriose Klang- und Bildkonzeptwerke schafft, und ein Bauer, der in Kamouraska im ländlichen Quebec auf seinem Grundstück bedrohte Kulturpflanzen züchtet. Er ist ein Händler, der fast und nicht selten auch längst vergessene Gemüse und Nutzpflanzen auf Märkten wieder unter die Menschen bringt und Begründer der „Societe des Plantes“, in dessen Händen buchstäblich ein Teil des botanischen Erbes der Menschen liegt. Und er ist ein bisschen verrückt, das gibt er selbst zu, als er auf dem Feld vor seinem rustikalen Haus eine weitere Reihe Pflanzen anlegt. Die Filmemacherin überlässt ihm das Wort und behält dabei stets den Blick für die zahlreichen Feinheiten von Forties Tun. Es beginnt vor Sonnenaufgang mit dem Handverlesen von Samen, die mit konzentrierter Ruhe sortiert werden. Pflanzen sind für den passionierten Landmann nicht einfach Handelsgut. Sie sind Liebespaare, die sich symbiotisch umeinander ranken, feine Fräulein in grünen Kleidern und geistesverwandte Rebellen, die sich über gerade gezogene Ackerschollen hinwegsetzen.

Was ist meine Grenzen beim Erhalt von Vielfalt?“, fragt der ökologische Überzeugungstäter, der nach einem Kunststudium zum Guerilla-Gärtner und Urban Grower wurde, bevor er Landbau, Kreativität und Aktivismus zu einem biologischen Gesamtkunstwerk vereinte. Den wilden Kopfputz aus Dolden, den er auf dem Filmplakat auf hat, trägt er in einer Szene tatsächlich mit Gleichgesinnten wie in einer Vereinigung von heidnischem Erntefest und kurioser Ausbringung – nicht nur von Saat-, sondern von Gedankengut. Wenn beides ertragreich sprießt, wächst mit ihm der Widerstand gegen gewissenlose Konzernriesen und die Monokratisierung des Agrarmarkts. Der kanadischen Regisseurin geht es in ihrem hochachtungsvollen und leichtherzigen Portfolio dabei keineswegs um einen Appell für das Alte um dessen Alters Willen. Vielmehr zeigen sie und Fortier wie die Integration von Verlorengeglaubtem und Urwüchsigem neue Genüsse und Nutzen erzeugen kann. „Ich stecke nicht so sehr in Dingen aus der Vergangenheit. Ich interessiere mich mehr für die Kulturpflanzen der Zukunft.“, erklärt der emsige Protagonist, der das erfahrene Auge der früheren Bauern mit der ästhetischen Intuition eines Künstlers vergleicht.

Solche Interpretation steht im intellektuellen und wirtschaftlichen Widerspruch zu einem globalen Markt, auf dem die großen Geschäfte mit genmanipulierten Monokulturen gemacht werden. Trotz der umfangreichen Auswahl an Vegetarischem essen wir ständig das gleiche, das möglichst gleich aussehen soll: makellos geformt, knallfarbig und überdimensional. Wir kaufen, was wir immer gekauft haben und was die anderen kaufen. Um der agrikulturellen Vereinheitlichung zu trotzen, braucht es Einfallsreichtum und Mut wie den Fortiers. Wenn er seine Hände in einem Bottich mit Saatgut vergräbt, den Zimtgeschmack einer nachgezüchteten Rübenart lobt oder mit einem Beistelltisch und einem alten Ventilator die Windverhältnisse über seinen Anpflanzungen optimiert, sieht man keinen Geschäftsmann oder Missionar. Man sieht einen erfüllten Menschen. „Freude ist eine komplexe Sache.“, sagt er. Le Semeur liefert ein berührendes Zeugnis davon.

  • OT: Le Semeur
  • Regie: Julie Perron
  • Drehbuch: Julie Perron
  • Produktionsland: Kanada
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 77 min.
  • Cast: Patrice Fortier
  • Beitragsbild © Berlinale