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Weiterfeiern: Berlinale Kritik zu „Impreza – Das Fest“

Weiterfeiern: Berlinale Kritik zu „Impreza – Das Fest“

Familienzusammenkünften sind manchmal wie Staatenbündnissen. Alle kommen in zeremoniellem Rahmen zusammen, um alles gibt es förmliches Getue, alle haben unterschiedliche Ansichten, alle zanken sich hinter stilvoller Fassade und am Ende wird die saure Miene notfalls mit Make-up kaschiert und für die Kameras herzliches Einvernehmen zur Schau gestellt. Der Kongress tanzt oder im Falle von Alexandra Wesolowskis familiärer Konfliktskizze die Festgesellschaft. Die trifft sich anlässlich der Goldenen Hochzeit Großtante Danutas. Die rüstige Dame ist das lebende Klischee einer kleinbürgerlichen Matriarchin, die mit exaltierter Resolution den Haushalt regiert. Unter ihrer Regie üben die erwachsenen Nichten, Neffen, Kinder und Enkelkinder ihre Rollen auf dem Fest, bei dem die Filmemacherin mehr schüchterne Zuschauerin scheint.

Fühlt die aus Deutschland angereiste Wesolowski sich erschlagen von den Vorbereitungen für die Feier, anlässlich der ein üppiges Gastmahl, eine Kirchenzeremonie und eine Schauvorführung von Danutas Lebensstationen ausgerichtet wird? Stellt sie ihre eigenen dokumentarischen Ambitionen letztlich des Haussegens zuliebe zurück? Oder ist sie frustriert von den radikal rechtskonservativen Geisteshaltungen, die im Gespräch mit Angehörigen zu Tage treten? Die Selbstverständlichkeit der teils neo-faschistischen Ansichten ist bedrückend. Jedenfalls für Außenstehende. Die Regisseurin hingegen wirkt weder überrascht, noch erschreckt. Umso irritierender ist ihre argumentative Distanz in der einseitig geführten Diskussion, die doch das erklärte Kernthema ihres Films ist. Die im Pressetext zitierte Verunsicherung kristallisieren sich nie heraus. Stattdessen ist der Titel Programm.

Darauf steht Jubiläumsfeier. Zum leeren Zeremoniell zeigt die Inszenierung kaum objektive Distanz. Bisweilen scheint das Kamerateam nur vor Ort, um besonders hübsch ausgeleuchtete Bilder zu schaffen. Doch die von den in Weichzeichner getauchten Aufnahmen suggerierte Harmonie erscheint bizarr bis furchterregend angesichts der Meinungen, die zuvor am Küchentisch geäußert werden. Kleine Kostprobe? Gender sei der neue Marxismus. Sexualkunde mache aus Kindern psychisch gestörte Erwachsene: „Das ist eine Ideologie! Die Ideologie der Freiheit!“ Hinter dieser gefährlichen Ideologie stecke die EU mit ihren liberalen Gesetzen, die sie auch in Polen durchsetzen wolle. Gott bewahre! Denkt sich die Sippschaft und geht geschlossen in die Kirche. Auch Wesolowski, deren Film bestenfalls ihre eigene Passivität dokumentiert.

Aufschluss über die politische Befindlichkeit des Nachbarlandes gibt die an ein aufwendiges Familienvideo erinnernde Doku kaum. Die verzagte Ausrichtung erlaubt nur ein paar Atemzüge in einem Mikroklima populistischer Borniertheit: „Wenn eine kluge Person häretische Dinge sagt, dann sage ich nicht, sie ist verrückt, sondern sie ist Opfer medialer Propaganda geworden.“ Und dazu ein Stück Torte.

  • OT: Impreza
  • Regie: Alexandra Wesolowski
  • Drehbuch: Alexandra Wesolowski
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2017
  • Laufzeit: 75 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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