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Tödlicher (Kleb)Stoff: Berlinale Kritik zu „Tough Bond“

Tödlicher (Kleb)Stoff: Berlinale Kritik zu „Tough Bond“

Postapokalyptisch kristallisiert sich aus dem Dunkel der Kinoleinwand die Silhouette Afrikas, wo Anneliese Vandenberg und Austin Peck einem zerstörerischen Suchtrend nachgehen. In der Ödnis von Yomo Village am Ufer des austrocknenden Turkana-Sees beginnt ihre harsche Dokumentation vor abgenutzten Zelthütten. In einer erwartet eine Dorfbewohnerin ein Baby. Seine Geburt ist Anfangspunkt der filmischen Odyssee, die einmal auch seine werden könnte. Yomo Village ist ein roter Punkt auf dem Umriss Kenias. Eine verkohlte Landkarte voll glimmender Brandherde, welche die dokumentarische Route zu einem kausalen Teufelskreis verbindet. Nächste Station ist Isiolo, in dessen Baracken über 60.000 Einwohner hausen. Einer von ihnen ist Sindbad, mit 16 Jahren der jüngste und beredteste der Protagonisten.

Das Stadtleben sei übel, sagt er und blickt auf das Elend in den Straßen. Hier lungern Kinder und Jugendliche halb aufgedreht, halb benommen, fixiert auf mit bräunlichem Sirup gefüllte Plastikflaschen. Darin ist de titelgebende Stoff, genauer: Klebstoff. „Wenn du Klebstoff schnüffelst, hast du keine Probleme“, bemerkt ein Ladenbesitzer, für den Sinbad bisweilen arbeitet. „Aber sobald der High zu Ende ist, stehst du ohne einen Penny da.“ Arbeit helfe ihm, das Stadtleben durchzustehen, sagt Sinbad. Doch es gibt sie kaum, genau wie Regen. Ziegen sterben, Kühe sterben. Sterben, sterben, sterben, intoniert Sindbad. Aber er sein ein „Survivor“ und sicher unter den anderen Überlebenden. Vier von ihnen begegnet das Regie-Duo in ihrem eindringlichen Debütfilm.

Wenn du Angst vorm Sterben hast, bist du längst tot“, sagt Akai. Die 17-Jährige lebt und hat keine Angst, obwohl ihr HIV-Test positiv ausfällt. Tough Bond steht zuerst für den Zusammenhalt der Straßenkinder angesichts des Zerfalls gemeinschaftlicher Kollektive. „Individualismus“ nennt der Vizepräsident als Ursache sozialer Notstände, für deren Größten er sich blind stellt: „Ich denke, es gibt keine Straßenkinder mehr in Nairobi.“ In Nairobi erreicht die alarmierende Reportage ihren Höhepunkt auf einem Müllberg, den ein Schaufelwagen durchpflügt. Der Abfall symbolisiert den politischen Stellenwert der Protagonisten, deren Leben Gangs, Gewalt und Drogen verkürzen. Die populärste Droge gibt es kanisterweise im Laden. Der marktführende Hersteller von Tough Bond verteidigt sich vor der Kamera. Sie seien ohne Verbote hilflos gegen das System.

Doch die Wurzel des Übels liegt tiefer, in der Einöde, wo sich die Handlungsellipse schließt. Für die Kinder gäbe es keine Nahrung, keine Schule, nichts, das er sie lehren könnte, sagt der Dorfälteste. Nur eines ist gewiss, genau wie in der Stadt: Sterben: „Wenn wir sterben, sterben wir zusammen.

  • OT: Tough Bond
  • Regie: Anneliese Vandenberg, Austin Peck
  • Drehbuch: Anneliese Vandenberg, Austin Peck
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2013
  • Laufzeit: 83 min.
  • Beitragsbild © Berlinale