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Berlinale ’13: DDR Doping & dessen Opfer in der Doku „Einzelkämpfer“

Berlinale ’13: DDR Doping & dessen Opfer in der Doku „Einzelkämpfer“

Der 9. November 1989 war der Tag der Befreiung. Für die Bevölkerung der DDR war es die Befreiung von einem Überwachungsstaat, für Sandra Kaudelka die vom Wasserspringen. „Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an Chlorwasser“, erinnert sich die Erzählerin während der Anfangsszenen. „Damals fand ich es Unterwasser viel besser als über Wasser“, berichtet die ehemalige Nachwuchswasserspringerin, die Jahrzehnte später freiwillig in die Tiefe geht: für einen dokumentarischen Blick auf vier andere Einzelkämpfer des DDR-Sports. 

Er war wie nahezu jeder Bereich des gesellschaftlichen Lebens reglementiert und politisiert. Der Spitzensport invertierte das Grundprinzip des „real existierenden Sozialismus“, den Weltrekordlerin Marita Koch auf Archivaufnahmen in einer staatlich diktierten Rede anpreist. Auf dem Platz und in der Halle stimmte vor allem die gemeinsame Strapaze solidarisch: „Weil jeder wusste, den anderen geht es genauso schlecht“, berichtet die einstige DDR-Sprinterin Ines Geipel. „Kapitalismus im Sozialismus“ nennt das historische Paradox der Olympiasieger Uwe Beyer. Der  Olympiasieger hat die Wende solide überstanden und betreibt heute ein Reisebüro. Den athletische Konkurrenzkampf betrachtet er in Retrospektive als eine Art Vortraining für den marktwirtschaftlichen. Neu ist nur der freie Wettbewerb, Betonung auf „frei“. Das war beim Antritt einer Sportkarriere wohl keiner der Protagonisten. Der politische Apparat war für sie teils Zwang, teils Förderung, in jedem Fall aber praktisch unumgänglich. Obligatorische Begabungstests an Schulen sorgten dafür, dass kein Talent unentdeckt blieb – ob es wollte oder nicht. 

Der Feststellung einer physischen Veranlagung folgte ordnungsgemäß deren Förderung, der Förderung ordnungsgemäß der Erfolg. Mit ihm habe man auch diesen Schmerz viel schneller verkraftet, kommentiert Brita Baldus ihr unerbittliches Training für einen Spitzenrang, den dann folglich das Land hielt. Die Titelfiguren und andere Wettkämpfer brachten die DDR nach oben, wenigstens auf dem Siegertreppchen bei Olympia. „Mittelmaß war nie eine Option.“, heißt es einmal. Nichtantritt war erst Recht keine. Die Angst zu Verweigern war größer. Von jener leidvolle Erfahrung tragen Sportler wie Geipel bleibende Narben an Körper und Seele. Doch die hergebrachten Schemata von Täter und Opfer greifen nicht in den forschenden Menschenporträts Kaudelkas. Um seine Sportelite anzutreiben hatte der Staat eigene Mittel, sowohl medikamentöse als auch psychologische. Es sei immer leichter in einer Mangelgesellschaft einen Anreiz zu schaffen, ein wenig Lebensqualität zu erlangen, sagt Koch und sie sagt, wie dieser Mehrgewinn in der DDR aussah. 

Ein Auto nach nur einem halben Jahr Wartezeit, eine 2-Zimmer-Wohnung als Einzelperson und Südfrüchte „lagen in der Sportschule einfach mal so rum“. Man durfte ruhig zwei Apfelsinen essen und reiste jenseits der Mauer. Wäre die nicht gefallen, hätte die Filmautorin wohl weiter auf dem Sprungturm gestanden statt hinter der Kamera, wo sie die fast vergessenen Sieger als Verlierer der eigenen Wunschideen zeigt. „Träumen?“, kommentiert Beyer nüchtern, “Träumen darf man. Aber sollte man nicht im Leben. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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