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Hate it, actually … Berlinale Kritik zu „Love“

Hate it, actually … Berlinale Kritik zu „Love“

Love steht auf der roten Karte, die aussieht wie ein Valentinsgruß, obwohl sie nur eine Café-Menü ist, und davor steht ein Herz und dahinter steht Coffee. Also nicht „I Love Coffee“, sondern „(Herz) Love Coffee“. Ist das nicht romantisch? Oder ist das ein Zeichen, dass der Regisseur und Co-Drehbuchautor Doze Niu Chen-Zer kein Englisch kann? Doch, kann er. Darum hat sein Film einen postmodern englischen Titel, aber der bleibt vorerst geheim.

Zuerst kommen die Protagonisten der Romanze. Ein Herzmotiv an einer Mauer, Herzsymbole auf Kleidung, rosarote Sonnenschirme, weil es vom himmelblauen Himmel nie regnet, zu Herzen gewundene Strohhalme, Herzaufkleber und das Wort Love auf Reklametafeln. Wo sitzt, liegt ein rotes Herzkissen und auf Veranstaltungen tragen die Teilnehmer Love-Buttons. Vor dem Szenario fliegen die Buchstaben des Vorspanns wie Seifenblasen über die Leinwand, arrangieren sich zu Worten und ein roter Herzluftballon schwebt gen Himmel und komplettiert mit einem Kussmund und einem Treuestempel den Titelschriftzug, der die kongeniale Planszene mit der noch genialeren Komposition aus Bewegt-, Stand- und Schriftbild krönt.

L (Herz) (Kussmund) (Treuestempel)“ und jedes Symbol steht für das gleiche, wie alle zusammen: Love. Seufz. Eine so plakative Eingangsszene verlangt danach, Gefühlsregungen auszuschreiben und Doze geht sicher das (Herz) auf, wenn seine Botschaft ankommt. Die ist eigentlich gar keine Botschaft, sondern eine postmoderne englische Message: All You need is love. Charaktere wären auch eine Idee, aber die hat Doze nicht. Deshalb bestückt er seine Handlung mit attraktiven jungen Statisten und karikaturesken Komparsen. Reich sind sie alle, die Ärmsten besitzen statt einer Luxusvilla nur ein eigenes Restaurant. Keine Sorge, die Handlung dreht sich um die jungen Attraktiven und bei denen dreht sich alles um Liebe und die ist peinlich bei Älteren. Wer eine glückliche Ehe führt wie die Eltern von Lijia und Kuan, verheimlicht dem Partner die Liebe.

Wer den Zeitpunkt für eine Ehe verpasst hat wie Nis reicher Vater, muss sich eine junge Geliebte wie Zeo Fang kaufen. Wer den Ehezeitpunkt nicht verpassen will, muss wie Geschäftsmann Mark die zickige alleinerziehende Mutter eines quengelnden Sohns heiraten oder wie Kai als Liebesbeweis für Ni, die er mit deren bester Freundin Lijia, die von ihm schwanger ist, betrogen hat, in eine Kloake springen. In Kloaken entwickelt sich augenscheinlich zum cineastischen Trend, den The Woman in the Septic Tank sogar zum Titel erkor. Trendig und hip sein und damit jung und attraktiv will Love, was jedoch nicht heißt, dass keine konservativen Werte geehrt würden. „Verantwortung“ muss für Schwangerschaft, Vaterschaft, Kindererziehung und Eltern übernommen werden. Dafür trägt Amateurfilmer Kai ein T-Shirt von Gus van Sants Last Days und Kuan erobert mit Häagan-Dasz das Herz von Zeo Fang.

Die Unfähigkeit zu Lieben ist armseliger als Impotenz“, verkündet sie nach den ersten der 127 Filmminuten. Doze schließt daraus, dass Unfähigkeit akzeptabel ist, solange sie Herz hat. Je größer die Unfähigkeit, desto mehr Herz braucht es. Liegt totale Unfähigkeit vor, heißt das Resultat – Love. Die Figuren sind so schablonenhaft, dass sie eine Etablierung überflüssig machen, die Witze sind so gefällig, dass ihren Reaktionsmus aufgesetzte Harmlosigkeit tarnt. Die Handlung ist so rührselig und ausgedehnt wie die einer Soap Opera, von der man vier Folgen hintereinander sehen muss, satt einer. „For Berlinale Screening only“ steht auf der Filmkopie bei der Pressevorführung mehrfach eingeblendet am oberen Bildrand. Manche Filme sind so stupide, dass man sie nur Kritikern zumuten darf. Und Festivalbesuchern.

  • OT: Ai
  • Regie: Doze Niu Chen-Zer
  • Drehbuch: Doze Niu Chen-Zer
  • Produktionsland: Taiwan
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 128 min.
  • Cast: Qi Shu,  Mark Chao,  Wei Zhao
  • Beitragsbild © Berlinale