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Berlinale ’12: „Dichter und Kämpfer“ liefert amüsanten Einblick in die Welt des Poetry-Slams

Berlinale ’12: „Dichter und Kämpfer“ liefert amüsanten Einblick in die Welt des Poetry-Slams

Toll, dass so viele da waren! Dass die Stimmung so toll war, dass der Saal voll ist“ Jetzt ist der Saal leer. Nur ein paar Techniker verrichten ihre Arbeit auf den Rängen. Und da stehen drei komische Typen und eine Frau, die auf den ersten Blick scheinen, als wären sie selbst Techniker oder aus dem Publikum übrig geblieben. „Jetzt können wir mal sehen, wer den wenigsten Schlaf hatte“, sagt Julius unmittelbar nach einem der Ereignisse, um das sich die Kamera und das Leben der Figuren dreht. In dem leeren Zuschauerraum sind die junge Frau und ihre drei Kollegen für die Kunst zuständig. Nein, den wenigstens Schlaf hatte nicht der Filmjunkie, der auf der Berlinale dem authentischen Szeneeinblick in der Perspektive Deutsches Kino Auge und Ohr leiht. 

Theresa Hahl hatte noch weniger: „Null Stunden.“ Andauernd habe sie Angst, dass sie ertappt werde. „Und irgendjemand raus findet, die kann ja gar nichts. Außer Gedichte schreiben.“ Gedichte schreiben und vortragen ist das Leben der Titelprotagonisten, die Marion Hütters lebendige Reportage auf dem begleitet, was auf dem besten Weg von der Underground-Bewegung zum Massenereignis ist: Poetry-Slam. Poesie-Wettbewerb, wie der Presseflyer die Passion der vier jungen Protagonisten tituliert, klingt nach Grundschulfeier und Lehrerkontrolle, doch was sich Poetry-Slammer auf der Bühne darbieten, ist dessen Gegenteil. Sie sind Rebellen des Reimens, Philosophen der Poesie, die öffentlich vor Publikum gegeneinander antreten. Wird dem Sieger der deutschen Meisterschaft in der aufstrebenden Performance-Richtung die aus Büchern und einem mit Goldspray überzogenen Mikrophon gebastelte Trophäe überreicht wurde, wird im Überschwang kollektiv umarmt und im Kreis gehüpft. 

Was den Figuren die unbefangene Sympathie verleiht, die der größte Vorzug des lebhaften Porträts ist, sind nicht nur ihre zwischen Ironie, Satire und Philosophischem wechselnden Verse, sonder ihre Unverfälschtheit. Von der Begabung der Protagonisten überzeugen die mitreißenden Vorführungen. Was nicht als Kunst funktioniert, liefert satirische Unterhaltung, pointierter, als das übliche TV-Niveau. Von ihrem Metier existieren können indes die wenigsten Poetry-Slammer. Doch nicht Reichtum und Ruhm zählen beim Dichterwettstreit. Worauf es ankommt sind die Atmosphäre im Saal, die Publikumsreaktionen und Kontakt zu Gleichgesinnten: „Wir waren die einzigen beiden, die bei der Uni-Vorlesung über den Namen Ludwig von Ficker gelacht haben“, erinnert Julius das Kennenlernen seines Bühnenpartners und Freundes. „Weil die das wirklich so todernst vorgetragen haben.“ Wie man es besser macht, dokumentiert das gewitzte Ensemble mit seinen fantasievollen Versen. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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