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Berlinale ’12: „Xingu“ mäandert zwischen Biopic & Kolonialismusdrama

Berlinale ’12: „Xingu“ mäandert zwischen Biopic & Kolonialismusdrama

Erde zu betreten, die niemand je zuvor betreten hat. Dorthin zu gehen, wohin niemand je gegangen ist.“ Klingt nach Raumschiff Enterprise, ist aber der Traum von Claudio, Orlando und Leonardo. Die Worte wirken fast wie ein Zauberspruch, der kaum dass der junge Abenteurer (Joao Miguel) ihn ausgesprochen hat, in Erfüllung geht. Die Kamera fliegt über das grüne Tiefland der Amazonaswälder, in die Orlando und seine beiden jüngeren Brüder ihre Reise führt und wo der Wunschtraum zum Alptraum wird. Zu Beginn der Expedition, auf der Cao Hamburger sie in seiner filmischen Exkursion in ein vernachlässigtes Gebiet brasilianischer Geschichte begleitet, ahnen sie nichts davon, bereits im Sog des unerforschten Fluss, den das von ähnlich hochfliegenden Ambitionen getrieben Geschichtsepos im Namen trägt: Xingu.

Dutzende Männer der verarmten Landbevölkerung stehen mit den Brüdern Schlange, um für einen Hungerlohn an „Brasiliens Marsch in den Westen“ teilzunehmen, als der die Roncardo-Xingu Expedition bekannt wurde. Die anderen Arbeiter sind dort, weil sie auf das Geld angewiesen sind. „Wir waren dort wegen des Abenteuers“, sagt Claudio Villas-Boas von sich, Leonardo (Caio Blat) und Orlando (Felipe Camargo). Nicht nur das unterscheidet die als Hilfsarbeiter getarnten Entdecker von ihren Gefährten. Sie kämen aus privilegierten Familien und seien auf gute Schulen gegangen, erinnert sich Claudio: „Aber wir wussten immer, nur in der Wildnis könnten wir frei sein. 

Fast nichts weiß man zu diesem Zeitpunkt über diese Wildnis entlang der Ufer und den Verlauf des des über 1900 Kilometer langen Nebenflusses des Amazonas, nur Eines ist gewiss: die dort lebenden Indianerstämme haben einen britischen Colonel getötet. Dem Häuptling, dessen Kundschafter die Entdecker schon einmal umzingelten, stehen Claudio und Orlando kurz darauf gegenüber. Sie siegen mit Waffen – nicht durch Angriff, sondern deren symbolische Niederlegung. Der Sieg der Villas-Boas ist auch der Häuptling Izaquiris (Tapaie Waura), dessen Stamm Freundschaft mit den Fremden schließt. Jener Sieg der Vernunft währt nur einen Moment. Gewalt, Herrendenken und Gier bedrohen die Ureinwohner in Gestalt von Unternehmern, Landenteignung und Grippeübertragung, mit der Claudio und seine Gefährten unwillentlich das halbe Dorf inklusive Häuptling umbringen. 

Die Schlüsselszene der ersten Zusammenkunft ist die eindrücklichste des Lebensepos über die für ihre humanitären und ethnologischen Verdienste ausgezeichneten Gebrüder Villas-Boas. Das von Cao Hamburger mit Elena Soarez und Anna Muylaert verfasste Drehbuch verzichtet auf Abenteuerromantik zugunsten subtiler Ahnung einer doppelten Bedrohung. Diese gilt neben den Hauptfiguren den Ureinwohnern. Um sie vor dem Zugriff als Fortschritt ausgegebener Unterjochung zu schützen, ziehen die Villas-Boas in einen jahrzehntelangen Kampf um Landrechte. 

Trotz einiger spärlicher Erfolge hebt sich niemals das bedrückende Air des Vergeblichen. „Wir werden das Gift sein und das Gegenmittel“, sagt einer der Brüder, die den unaufhaltsamen Verlust des Urzustands vorausahnen noch während sie ihn aufzuhalten versuchen. Ihre Eröffnungsworte erhalten bei der Wiederholung gen Ende einen bitteren Beigeschmack. Dorthin zu gehen, wo der weiße Mann niemals zuvor je gewesen war, weil es keinen Ort gibt, an den der weiße Mann nicht zu gehen vermag – das war alles, was wir je konnten.

Der über 400 Quadratkilometer Urwald gefährdende Bau des Belo Monte Staudamms am Xingu wurde vorerst gestoppt, doch die Bedrohung ist nicht gebannt. Pimental, Altamira, Iriri, Ipixuna, Kakraimoro und Jarina sind weitere Bauprojekte, die auslöschen könnten, was der Titelschriftzug vor dem Abspann benennt: Xingu.

Beitragsbild © Berlinale