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Berlinale ’12: „Parada“ zelebriert einen Aufmarsch kleingeistiger Klischees

Berlinale ’12: „Parada“ zelebriert einen Aufmarsch kleingeistiger Klischees

Was du gerade gesagt hast, ist das primitivste aller Stereotypen männlicher homophober Heterosexueller“, heißt es einmal in Sradan Dragojevics Klamauk. An Stereotypen der primitiven Sorte gibt es in seiner serbischen Heimat viel zu viele, findet der Regisseur. Darum will sein Berlinale-Beitrag aufräumen. Nicht mit den Vorurteilen, sondern unter ihnen. Klischees dürfen bleiben, wo sie ins eigene Weltbild passen. Nur das ein oder andere wird ausrangiert, nicht der davon betroffenen Gruppe zum Wohle, sondern sich selbst. Wer mit Klischees aufräumt oder zumindest diesen Gestus annimmt, steht quasi automatisch als progressiv, tolerant und offenherzig da. Selbst, wenn alte Vorurteile nur abgebaut werden, um postwendend Neue anzuschaffen. Diesem Schema folgt die ärmliche Story, deren Gesellschaftsbild ähnlich umsichtig und aufgeklärt ist wie das des rabiaten Hauptcharakters Limu (Nikola Kojo). 

Der militaristische, nationalistische, ex-kriminelle, brutale, machohafte Kriegsveteran kommt anlässlich der geplanten Hochzeit mit seiner grellen, vulgären zickigen, materialistischen Verlobten Biserka (Hristina Popović) in Kontakt mit dem Hochzeitsausrichter Mirko (Goran Jevetic), ein affektierter, weinerlicher, eifersüchtiger, deprimierter gescheiterter Theaterregisseur. Errät jemand anhand der Charakterisierung die sexuelle Orientierung Mirkos? Nein? Er ist homosexuell und möchte mit anderen wandelnden Zerrbildern entgegen aller feindseliger Widerstände eine Pride-Parade abhalten. Die findet allerdings niemals statt. Der titelgebende Festzug ist der von bunten, vermeintlich wohlgesinnten Vorurteilen, von denen lediglich eines gekillt wird. Welches? Natürlich Mirko. Der Klischeeprotagonist findet ein Klischeeende.

Das so abgearbeitet ist wie die Type des lispelnden, gezierten, den kleinen Finger abspreizenden Schwulen. Nach selbiger sind nahezu sämtliche homosexuellen Figuren gezeichnet. Nur ist das keine Satire, sondern Ernst. Die Gags beschränken sich auf die vorhersehbaren Zankereien und Ressentiments zwischen Limu und Mirko, wiederum ein dröges Abhaken narrativer Stereotypen darstellen. Originalität scheint Dragojevic noch verhasster als die LGBTQIA-Community dem gewalttätigen Mob, der gegen sie aufmarschiert. Am Ende wird es nämlich plötzlich tragisch und buchstäblich todernst. Zweites will die plumpe Klamotte tatsächlich genommen werden, was wiederum erstes ist. Die Macher halten ihr Werk scheinbar wahrhaftig für ein Toleranzplädoyer. Den Wald vor lauter Bäumen …

  • Beitragsbild © Berlinale