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Ennui & Emptiness: Berlinale Kritik zu „Atomic Age“

Ennui & Emptiness: Berlinale Kritik zu „Atomic Age“

Was suchen Victor und Rainer, die nachts mit dem Zug in ein klaustrophobisch wirkendes Pariser Zentrum fahren?“, fragte das Pressematerial zu Helena Klotz kleiner Filmodyssee im Berlinale Panorama. Mal eine andere Frage: Was suchen die beiden pubertären Vorstadtkids, die von Party-Gängern zu Waldläufern werden, im Pariser Zentrum, das eine flüchtige Aufnahme des Eiffelturms suggerieren soll und das daher kein bisschen klaustrophobisch, wirkt? Niemand weiß es, am wenigsten die Regisseurin, deren Kampf um Avantgarde so aussichtslos ist wie die Suche selbstgefälligen Protagonisten. Auf die schäbige Kleidung und das ungepflegte Äußere von Victor (Eliott Paquet) und Rainer (Dominik Wojcik) nimmt der verstiegene Kurzfilm ebenso bedeutsam Bezug wie auf jede Irrelevanz, in der die träge Handlung vergebens nach tieferem Sinn schürft.

Bedeutet das Heruntergekommene soziale Verwahrlosung oder Bekenntnis zum Prekariat als Ersatz eines nicht gewagten Bekenntnisses zum Sozialismus, von dem eine Echostimme aus dem Off lektoriert? In der Sowjetunion mussten die Menschen sich auf eine Liste setzen lassen und vorab bezahlen, um ein Auto zu kaufen und dann zehn Jahre warten. Beim Kinobesuch auf Filmfestivals ist es manchmal ähnlich. Zuerst für Restkarten aufreihen, im Voraus zahlen und dann zehn Jahre warten. Diese Zeitspanne verstreicht gefühlt, bis die blasierte Episode in klammer Morgendämmerung endet. Die Figuren kommen an Geistlosigkeit den Dialogphrasen gleich. „Das Leben ist schön und es wird immer schöner, während wir aufwachsen“, palavert Victor und jammert: „Ich will nicht sterben, aber ich weiß, ich werde es. Das werden wir alle.

Wesentlich besser fühlt sich auch sein Begleiter Rainer nicht: „Ich sterbe. Ich bin die einsamste Kreatur auf diesem Planten.“ Unterdessen sterben die Zuschauer, nämlich vor Langweile angesichts des arrivierten Überdrusses, in dem die Jungen sich gefallen. Alles sei verloren, heißt es. Der Handlungssinn ist es definitiv. Selbst die nie ergründete romantische Affektion zwischen den Figuren ist bloß Requisit des Dichterkostüms, das Klotz anlegt: „Ich habe wieder angefangen Gedichte zu lesen. Während ich Gedichte zitiere, schlafe ich schließlich ein.“ Kein Wunder bei den schwülstigen Bildern und Da-Da-Dialogen: „Was machen wir eigentlich?“, fragt Victor während eines Marsches durch den Winterwald. „Wir laufen“, erkennt Rainer scharfsinnig. „Was für eine beschissene Nacht.“ Wahre Worte, besonders im Bezug auf das pseudophilosophisch Filmchen.

  • OT: L’âge atomique
  • Regie: Héléna Klotz
  • Drehbuch: Héléna Klotz
  • Produktionsland: Frankreich
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 66 min.
  • Cast: Niels Schneider, Dominik Wojcik, Mathilde Bisson, Clémence Boisnard, Luc Chessel
  • Kinostart: 16.08.2012
  • Beitragsbild © Pro-Fun Media