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Berlinale ’12: „Highway“ ist mit Ambition & Witz zwischen Rom-Com und Drama unterwegs

Berlinale ’12: „Highway“ ist mit Ambition & Witz zwischen Rom-Com und Drama unterwegs

Man weiß nie, wann so ein bandh aufhört, erklärt der ältere Tischnachbar zu Ronit. „Das letzte mal hat es 45 Tage gedauert.“ So lange kann der junge Reisende (Saugat Malla) nicht warten. Sein Mitpassagier kann gelassen Tee trinken, Ronits Zeit läuft in 36 Stunden ab. Dann verfliegt der Fruchtbarkeitstrunk, den ein Heiler ihm im Bergland gebraut hat. Schafft Ronit es nicht nach Kathmandu, klappt es wieder nicht mit dem ersehnten Baby. Acht bunt zusammengewürfelte Charaktere und er sitzen im gleichen Boot, konkreter: Bus. Als dessen Reise ins Stocken gerät, kommt Deepak Rauniyars tragikomisches Road Movie in Fahrt. 

Improvisation. So lautet das Zauberwort, das Reisegruppe und Ensemblestück voran bringt. Eine Businsassin weiß, das Hochzeitsfahrzeuge Freifahrt haben. Liebe und Potenzmittel können nicht warten. Das weiß der stille Pratiek (Eelum Dixit). Zum Grauen seiner konservativen Mutter denkt er nur an Internet-Flirt Vishal (Sandeep Chhetri). Dessen transsexuelle beste Freundin wurde lebensgefährlich verletzt. Praktiek spielt also Bus-Bräutigam, denn die heimlich liierten Pooja (Shristi Ghimire) hat Brautkostüm und Festutensilien bereits im Gepäck hat. Kein Grund zu Gratulationen, ihre bevorstehende Ehe ist arrangiert. Ihr Zukünftiger Aviral (Karma) ist derweil auf Fahrer- und auch Heiratsflucht. Auf einer anderen Straße wartet der nächste bandh, dessen Teilnehmer lautstark kämpfen wollen „Und zwar non-stop!“ Non-stop bedeutet long-stop für die Businsassen, deren aufgesetzte Feierlaune sich zur bitteren Maskerade wandelt. Ronit erfährt, dass Gattin Radhika ebenfalls einen Unfall hatte, allerdings der sexuellen Art. 

Ein bandh ist eine Straßenblockade von Streitenden, Streikenden oder Protestanten. Das vielfältige Hindernis wird zur ironischen Metapher der diversen Hürden, Hindernisse und Sackgassen, mit denen sich die Protagonisten konfrontiert sehen. Zugleich ist die stockende Fahrt eine süffisante Pointe auf die soziale und politische Situation in Nepal, das von den Nachbeben des Bürgerkrieges immer noch zittert. Moderne und Traditionalismus sind die Eckpunkte des dramatischen Spannungsfeldes, das die klassischen Motive des Road Movies anhand seines Ensembles durchprobiert. Weiter auf vorgeschriebenen Bahnen? Eine Kehrtwendung machen? Ins blaue hinein fahren? Oder lieber aussteigen? Der Highway ist eine zweifache Metapher für den Lebensweg der Protagonisten und den politischen Weg der nepalesischen Gesellschaft. Zwang und Konvention gilt es hinter sich zu lassen. 

Dass der Bruch nicht immer schmerzlos ist, verhehlt die holprige Story nicht. Originalität und Spontanität trotzen dem minimalen Budget und der wackeligen Inszenierung. Das junge nepalesische Kino treibt es genauso voran wie die Figuren: Stillstand ist keine Option. 

  • OT: Highway
  • Regie: Deepak Rauniyar
  • Drehbuch: Abinash Bikram Shah
  • Produktionsland: Nepal
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 80 min.
  • Cast: Karma, Saugat Malla, Reecha Sharma, Binaya Shrestha, Eelum, Dayahang Rai, Rajan Khatiwada, Asha Magarati, Shristi Ghimire, Mamata Rai, Sandip Chhetri, Bhumika Shrestha, Keshav Bhattra
  • Beitragsbild © Berlinale