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Berlinale ’12: Killer, Korruption & Konvention im thailändischen Thriller „Headshot“

Berlinale ’12: Killer, Korruption & Konvention im thailändischen Thriller „Headshot“

Ist dir klar, was für Glück du hast? Nur einer unter einer Millionen überlebt so was“ Der Arzt, dessen verschwommenes Gesicht Tul über sich sieht, als er zu sich kommt, macht keine Witz. Doch wie ein zynischer Scherz müssen die Worte von Dr. Suang (Krerkkiat Punpiputt) für den Gesetzeshüter scheinen. Die letzten drei Monate lag Tul im Koma. Was ihn dorthin versetzt hat, nimmt der Titel von Pen-ek Ratanaruangs kontemplativem Thriller vorweg. Headshot beginnt in einer Attentatssequenz, die in Kompromisslosigkeit dem Hauptcharakter kaum nachsteht. Der sukzessive Abstieg in einen Sumpf aus Intrigen und Korruption wird dem ambivalenten Antihelden (Nopachai Jayanama) ebenso zum Verhängnis wie sein Gewissenskonflikt angesichts des Tötens. 

Was sich als gradliniger Gangsterfilm heran pirscht, entpuppt sich als harsches Drama über den Zwang zum Verbrechen in einer Gesellschaft, in der schmutzige Geschäfte unter Staatsmännern zum guten Ton zählen. „Beruf: Politiker“, tippen anonyme Finger auf einer Schreibmaschine. Ein Mordauftrag für Tul. „Nur zwei Sorten Menschen tragen eine Waffe“, meint zu ihm die junge Rin (Sirin Horwang), die unfreiwillig seine Fluchtfahrerin wird: „Polizisten und Kriminelle.“ Die Grenze zwischen den beiden Seiten des Gesetzes ist unscharf, der Übergang Frage eines Augenblicks. Der kommt für Tul, als ein abgekartetes Spiel ihn ins Gefängnis bringt. Da Tul sich weigert, sich zur Schachfigur auf dem Spielbrett von Geld und Macht degradieren zu lassen, wird er selbst zum Bauernopfer. Konzentriert führt Ratanaruang seinen soliden Hauptdarsteller durch die ausgebleichte Szenerie. Den konventionellen Plot belebt die Atmosphäre lauernder Bedrohung und allmächtiger Korruption. Jede Existenz, ob hochrangig oder gering, wird von Bestechlichkeit vergiftet. 

Alle sind käuflich, sei es Tuls Freundin Tiwa (Chanokporn Sayoungkul), Rin, Dr. Suang oder er selbst. Je energischer er sich der kriminellen Maschinerie zu widersetzen versucht, desto fester verhakt er sich in deren Räderwerk. „Ich dachte, Menschen seien mit Mitgefühl und Anstand ausgestattet“, sagt Tul, für den Joys Tod sinnbildlich den Verlust der Lebensfreude bedeutet emotionale Abstumpfung bedeutet. Ihre Funktion in der Story ist damit erfüllt, denn der Regisseur und Drehbuchautor betrachtet weibliche Figuren nur als Mittel zum Ausbau der männlichen. Wie die Charaktere in Triebwerk der Kriminalität verankert sind, ist seine konforme Inszenierung dem chauvinistischer Krimi-Konvention verhaftet. Die Welt wurde nicht auf der Grundlage von Güte und Tugend geschaffen, sondern auf der von Neid und Selbstsucht, ist das bitter Fazit des Protagonisten, der damit die alte Leier unzähliger Neo-Noirs wiederholt. 

Der einzige ansatzweise frische Aspekt ist die pseudo-medizinische Neurologie-Phantasie. Gerechtigkeit ist nur eine Frage der Perspektive und die ändert sich für Tul nach dem Titelknall nachhaltig. Als Folge der Hirnverletzung steht Tuls Welt buchstäblich Kopf. Die verkehrte Sichtweise ist plakative Metapher für die moralische und gesetzliche Wendung des Protagonisten, der einzig großtönender Pseudophilosophie treu bleibt. Spannender als eine Kugel im Kopf wäre mehr Geist.

  • Beitragsbild © Berlinale
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