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Berlinale ’12: Yonfan feiert „Bugis Street“ zu Singapurs ultimativer Straße der Versuchung

Berlinale ’12: Yonfan feiert „Bugis Street“ zu Singapurs ultimativer Straße der Versuchung

Drei Dollar kostet ein Zimmer in der titelgebenden Vergnügungsmeile. Also einchecken in die Kulisse von Lust, Laster und ganz viel Drama, Baby! Sieht der Anhänger am Zimmerschlüssel nicht aus wie eine kuriose Kinokarte? Vorhang auf für den mysteriösen Mikrokosmos des Sin Sin Hotels. Die kapriziöseste Absteige Singapurs ist heimlicher Star von Yonfans Schlüsselwerk des chinesischen Queer Cinemas: ein fabulöser Ort, wo sich Mondlicht und Laternenschein retro-filmreif in Pfützen spiegeln und Abenteuer, Eifersucht und erste Liebe Tür an Tür wohnen, während draußen Rikschas übers Pflaster rattern. 

Der Schauplatz trägt die Sünde gleich doppelt im Namen, birgt jedoch ebenso viel Herzenswärme wie Exotik und Exzentrik. Davon gibt es reichlich in der Bugis Street, legendärer Treffpunkt für Prostituierte, Transsexuelle und Transvestite des Singapurs der späten 60. Die junge Lian (Hiep Thi Le), durch deren naive Augen das Reich billigen Flitters bestaunt wird, ahnt nichts von dieser verborgenen Welt, als die Unschuld vom Lande dort ihre Arbeit als Rezeptionistin antritt. Es sei wie „Die Welt der Suzie Wong“ schreibt sie ihrer imaginären Brieffreundin. Ihre kindlichen Kitsch-Ideen gewöhnen ihr die neuen Freundinnen Maggie (Maggie Lye), Lola (Ernest Seah) und die mondäne Drago jedoch rasch ab, wie auch die provinzielle Prüderie. 

Der erste Schock wärt nicht lang bei Lian. Mit leuchtenden Augen betrachtet sie das melodramatische Frivolitätenkabinett. Seine schillernde Vision dekonstruiert Yonfan selbst schließlich als nostalgische Hommage an eine imaginative, überhöhte Vergangenheit, die nie den Glanz der cineastischen Caprice besaß. Die im Berlinale Panorama aufgeführte restaurierte Version des selbstironischen Melodrams lohnt allein ob des visuellen Überschwangs und frivolen Humors einen Besuch. Für das Kino gilt, was Drago über Gefühle sagt: „Liebe ist wie ein Hotel. Manchmal gibt es Langzeitgäste, aber nichts bleibt für immer. 

  • OT: Bugis Street
  • Regie: Yonfan 
  • Drehbuch: Yonfan
  • Produktionsland: Hongkong, China
  • Jahr: 1995/ 2012
  • Laufzeit: 103 min. 
  • Cast: Hiep Thi Le, Michael Lam, Greg- O, Ernest Seah
  • Beitragsbild © Berlinale