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Drunk with love: Berlinale Kritik zu „Punch“

Drunk with love: Berlinale Kritik zu „Punch“

Cabaret war das einzige Wort, das ich kannte.“, erinnert sich Wan-deuk an seine Kindertage, als sein buckliger Vater Varieté-Tänzer war, und ginge es nach dem jungen Hauptcharakter von Lee Hans hinreißender Adaption des gleichnamigen Bestsellers, mit dem Kim Lyeo-Ryung bei Kritikern und Lesern gleichermaßen absahnte, könnte das immer so bleiben. Glücklicherweise für das Kinopublikum bleibt es nicht immer so, wobei des einen Freud des anderen Leid ist – und umgekehrt. Die Redewendung gilt sowohl für die trotzköpfigen Antagonisten, die in Punch zu kontern lernen, wenn das Schicksal ihnen einen der titelgebenden Schläge versetzt, als auch für die Zuschauer, die sich umso mehr unterhalten umso misslicher es den Figuren geht.

Er schlägt uns dauernd und trinkt bei einem Schüler. Was für ein Vorbild ist das überhaupt?“, wundert sich Wan-deuk (Yu Aine) über seinen schlimmsten Widersacher. Dong-ju (Kim Yun-seok) ist der Lehrer der Abschlussklasse, in der Wan-deuk in der letzten Reihe, vor der er sich wegen der staatlichen Unterstützung, die sein Vater (Park Soo-young) und er erhalten, geniert, mit deren Schülern er in Schlägereien gerät und die er wiederholen müssen wird. Dies ist so gewiss wie die Tatsache, dass der frustrierte Teenager selbst nach dem Unterricht Dong-ju ertragen muss. Die Wohnung des fragwürdigen Pädagogen liegt so nah, dass er sich von seinem Schüler nach Feierabend dessen staatlich finanzierte Reis-Ration hinüber werfen lässt und sich dann noch beschwert, dass es kein Naturreis ist. Bis der fluchende Nachbar (Kim San-ho) zu einer seiner allabendlichen Tiraden ansetzt. Dessen unwirsche Kommentare über Wan-deuks soziale und familiäre Situation.

Eines hat Wan-deuk gelernt: Er passt in das Raster für Ausreißer: „Armut, ein behinderter Vater, und nun eine philippinische Mutter.“ Den Kontakt mit ihr ermöglicht ausgerechnet Dong-ju, für dessen Tod Wan-deuk regelmäßig in der Kirche betet. Weil Gott vorerst anderes zu tun hat müssen er und sein Gegner sich mit dem anderen auch ihren ungelösten Problemen stellen. Mit den angenehm unsentimental und mit sarkastischem Witz aufbereiteten Konflikten glättet der preisverdächtige Beitrag der Berlinale Generations die Kanten der atypischen Mentor-Geschichte, in der Schüler und Lehrer beide vom anderen lernen.

Man muss kein emsiger Literatur- oder Filmstudent sein, um vorauszuahnen, wie es ausgeht mit Wan-deuk, der beim Kickboxen seine Selbstachtung, Selbstbeherrschung und bemerkenswertes Talent szenisch Karate Kid zu kopieren trainiert, seiner Liebe zur Klassenbesten, das Treffen mit seiner Mutter (Lee Jasmin), die amtlich noch mit seinem Vater verheiratet ist und immer noch so salzig kocht wie er es mochte, Dong-ju, dessen eigener Vater als Elternfigur das Gegenbild von Wan-deuks Vater ist: „Fähiger Körper, unfähiger Geist“, des feindseligen Nachbarn attraktiver Untermieterin (Park Hyo-joo) mit dem noch attraktiveren Autorenpseudonym „Moonbow“ und des Vermieters selbst, der nicht wie ihr Gatte, sondern ihr Bruder ist.

Das öffnet Dong-ju eine völlig neue Perspektive, die für ihn wie für die übrige Figurenkonsorte eine Spur zu sonnig ist. Die Schlussszenen modelliert Lee zu sehr nach dem Vorbild leichtverdaulicher Dramedies für den Mainstream. Wenn die Begeisterung über die schroffe Komik schon einen Dämpfer erhalten hat, stößt er die Massenkompatibilität doch noch milde vor den Kopf, wie es der Filmtitel einfordert. Die anfänglichen Gegner entdecken ihre Gemeinsamkeiten nicht nach vertrautem Muster. Sie entdecken sie niemals. Es ist der Zuschauer, dem diese Entdeckung überlassen bleibt, die nichts ändert an den alltäglichen Reibereien der Figuren.

Ihren Sieg nach Punkten verdankt die Mischung aus Coming-of-Age-Story und Ensemblefilm weniger der Handlung als den exzellenten Darstellern, allen voran Kim Yun-seok, und dem ruppigen Charme der Charaktere. Deren zum amüsanten Mitleiden einladende Authentizität Dong-ju treffend beschreibt: „Solche Leute gibt es überall.

  • OT: Wandeukyi
  • Regie: Han Lee
  • Drehbuch: Han Lee
  • Produktionsland: Republik Korea
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 110 min.
  • Cast: Yun-seok Kim, Ah In Yoo, Su-young Park, Yeong-jae Kim, Sang-ho Kim
  • Beitragsbild © Berlinale