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Stille Nacht: „Night of Silence“ berührt & verstört auf der Berlinale

Stille Nacht: „Night of Silence“ berührt & verstört auf der Berlinale

Weine nicht, sagt die Mutter zum Abschied, nach dem sie die Tochter womöglich nie wieder sehen wird. Die ungeduldigen Worte lindern nicht den Kummer des gleich einer Puppe herausgeputzten Mädchens (Dilan Aksüt). Ihre Tränen bleiben ungesehen hinter dem glitzernden Schleier. Seine rote Farbe verweist auf das Blut, das vergossen werden soll und wird. 

Reis Celiks bitter realistisches Film-Poem bricht in sanften Bildern bricht das im Originaltitel präsente Schweigen, das die Charaktere einhüllt. Mit Gesten, Plauderei und Märchen erzählen kämpfen sie vergebens gegen die Stille. Das rauschende Fest, mit dem der türkische Regisseur und Drehbuchautor sein bedrückendes Kammerspiel einleitete, ist keine Totenfeier, obwohl  ein Mädchen zu Grabe getragen wird. Das gefasste Plädolyer gegen fortdauerndes gesellschaftliches Unrecht spielt in einer Hochzeitsnacht. Die Eheschließung findet in einer kleinen Dorfgemeinschaft im ländlichen Anatolien statt. Für den Bräutigam (Ilyas Salman) ist das Fest zugleich das seiner Rückkehr in den Heimatort. Zweimal führte das Einhalten der Tradition ihn daraus fort und ins Gefängnis. Seine Freiheit hat er zurückerhalten, seine Jugend nicht. Die Gefangenschaft der Braut beginnt, nun, da die ihres Bräutigams beendet ist. 

Wir alle waren Bräute wie du“, erinnert sie die alte Mutter: „Egal, ob dein Mann dich schlägt oder beschimpft, geh nie aus dieser Tür. Dies ist dein Heim.“ Das Grab ihrer Jugend. Das Blut, auf das symbolisch das Rot von Schleier und Schärpe verweist, ist Jungfräulichkeitsbeweis. Er muss dem Dorf mittels des Bettlakens erbracht werden. Drückendem Beweiszwang unterliegt auch der Bräutigam, der als Zeichen seiner Potenz und des Vollzugs des Beischlafs in die Luft schießen muss. Die Waffe liegt gleich eines Omens zukünftiger Schuld zwischen ihm und der Braut. Das kleine Mädchen bleibt namenlos. Tradition überdeckt Individualität und elliminiert Selbstbestimmung. „Manche Geschichten sind magisch“, sagt die Braut, „sobald du begonnen hast, musst du sie zu Ende erzählen.“ Eine solche Geschichte ist die als niederschmetterndes Bühnenstück unaufhaltsamer Zwänge inszenierte Handlung, die das junge Zielpublikum zu ernst nimmt, um die Nacht der Stille nicht konsequent in einem düsteren Morgengrauen zu beschließen. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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