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Berlinale ’12: Heimelige Heimat-Doku begleitet „Die Kinder vom Napf“ durchs Jahr

Berlinale ’12: Heimelige Heimat-Doku begleitet „Die Kinder vom Napf“ durchs Jahr

Taschenlampen glimmen in der Dunkelheit. So beginnt der Schultag für die jungen Protagonisten von Alice Schmids anheimelnder Doku. Gehen die Titelfiguren der filmischen Verklärung eines Jahreskreislaufs zur Schule, ist es noch finster. Wie einiges in der selektiven Beobachtung, die 50 Bergbauernkinder in der Gemeinde Romoos im schweizerischen Luzern durchs Jahr begleitet. Dunkelgrüne Tannenzweige biegen sich unter Schneelast, der Raureif malt Ornamente an die Seilbahnfenster. Aus ihnen schauen die Kinder und an ein solches Fenster schreiben unsichtbare Finger den Titel. Hei, wie schön ist es droben. Da latscht Kind doch gern morgens 10 Kilometer zum Unterricht. 

Die überschaubare Filmwelt scheint aus Sagen von Rübezahl. Eine Märchenwelt ist es tatsächlich, die Schmid hier konstruiert. Im Dorf-Idyll lobt eine der unbedarften Kinderprotagonisten ihre Lieblingskuh, zu deren Füßen zwei neugeborenen Kälbchen liegen. Ein Laternenumzug leitet die Kamera zur Kirche, wo ein Chor vor versammelter Gemeinde Stille Nacht, heilige Nacht singt. Kirchmusik erklingt noch öfter, etwa, wenn sich die Kinderschar am Feuer wärmt – und impliziert an Glaube und Tradition, für die Postkartenkitsch-Bilder penetrant werben. Problematischen Aspekten, wie Konservativismus, Gemeinschaftszwang und Traditionalismus werden ausgeblendet. Ein Uralt-Radio tönt die Meldung, ein in der Gegen Schafe reißender Wolf sei zum Abschuss freigegeben: „Ich würde nicht sagen, dass es hier nicht gewollt ist. Aber gibt es überhaupt Platz für es? 

Nein, es gibt keinen Platz in dem verbrämten Hillbilly-Himmel für Hintergründigkeit, dokumentarische Ausgewogenheit oder gar Konfliktthemen wie den omnipräsenten Klerikalismus, die erstickende Biederkeit und den kulturellen Mangel. In der Schule werden Plätzchen gebacken und Lehrer sind stets freundlich und entspannt. Fußballspielen auf dem Pausenhof, sachkundiges lernen an der Kohlegrube, Bergwanderungen, während derer der Lehrer der Schulklasse die Nachbargemeinden aufzeigt. Dahinter endet die Welt für Die Kinder vom Napf – auch auf inhaltlicher Ebene. Die entspricht weniger einer Reportage als einer Dauerwerbesendung für den durch stetige Abwanderung bedrohten Ort. Die für Kinder naheliegende Frage, weshalb die Leute weggehend, wenn es dort doch so schön sei, bleibt unbeantwortet. 

Hey, hier kann man im Sommer zwischen Kühen, Kätzchen und Küken sogar Judo machen! Dazu Traktor fahren, im Bergwasserfall baden und mit Schlaghammer und Gasbrenner hantieren kann. Da hängt schon wieder eine Kugel am Baum: dem Christbaum zum Christfest, an dem das Christkind der Christgemeinde Gaben bringt – bevor die Kamera ein letztes Mal über die majestätischen Gipfel schwenkt. Fehlt nur noch der Werbespruch: „Schneekoppe!

  • OT: Die Kinder vom Napf
  • Regie: Alice Schmid 
  • Produktionsland: Schweiz 
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 87 Min. 
  • Beitragsbild: MFA