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Berlinale ’12: Kriminal-Doku „Revision“ demaskiert faschistischen Hass & Justizblindheit

Berlinale ’12: Kriminal-Doku „Revision“ demaskiert faschistischen Hass & Justizblindheit

Ein Getreidefeld nahe dem ländlichen Nadrensee in Mecklenburg-Vorpommern. Ein böiger Tag. Die Windräder über dem Feld drehen, bezeugen es. Hätte sie vor zwanzig Jahren gestanden, wären sie noch anderer Dinge Zeugen. Sie findet Philip Scheffner unter Angehörigen, Ortsansässigen und Ermittlern. Das eindringlichste Zeugnis ist die Reportage, die eine inoffizielle Rechtschreibung aufzeigt, der Protagonisten, Judikative und Exekutive gleichermaßen folgten. Sie alle unterziehen vor der Kamera ihre Zeugenaussagen einer aufwühlenden Revision. 

Damit eine Zeugenaussage zu Stande kommen kann, erklärt der für seine Dokumentararbeit in Der Tag des Spatzen und The Halfmoon Files mehrfach ausgezeichnete Regisseur in einem Pressestatement, genügt die Wahrnehmung eines Tatvorgangs nicht. Es braucht einen Zuhörer, der selbst Zeuge wird, indem er die Aussage aufnimmt. Diese Doppelung vollzieht sich in der Konfrontation mit Scheffner, der Kamera und erfährt durch Anhören und Ergänzen des Gesagten durch die Protagonisten eine weitere Doppelung. Sie alle konditionieren den Titel, der sich zugleich auf das Aufrollen eines Verbrechens bezieht.  

Kopfhoch steht das Korn, dass ein Mensch darin verschwinden könnte. So wie Grigore Velcu und Eudace Calderar. Ihre Namen stehen in den Akten des nach drei Jahren angesetzten Prozesses. Es gab zwei Angeklagte und keinen Schuldigen zufolge einer Rechtsprechung, die den Namen nicht verdient. Gerechtigkeit fand nicht satt in dem Justizfall, der die Namen Velcu und Calderar und zweier Anwohner verbindet. Zwei Rumänen, zwei Deutsche. Niemand von ihnen spricht vor der Kamera. Die zentralen Figuren sind Unsichtbare, die nur auf alten Fotografien, vertreten durch einen Anwalt oder die schriftliche Ablehnung eines Gesprächs auftreten. Die Angeklagten wollen nicht sprechen, die Opfer können es nicht, sie sind tot. An ihrem gemeinsamen Todestag, dem 29. Februar 1992 stand das Korn niedriger. 

Damals wuchs hier Wintergerste“, erinnert sich der Bauer. So hoch sei die gewesen, sagt er und hält die Hand unterhalb der Hüfte. Am Ende des Tages wuchs nichts mehr. „Hinter ihnen stand das Feld in Flammen“, sagt Scheffner über die Mäher, die zwei männliche Leichen fanden. Bereits diese erste Aussage zeigt sich brüchig unter dem präzisen journalistischen Abklopfen. Vielleicht lebte einer von ihnen noch, nachdem die Schüsse fielen. Bereits am Tatort schloss die Polizei, dass sie von einer Jagdwaffe abgefeuerter wurden. Scheffner setzt ein beklemmendes und traurig aktuelles Dokument: von Hinterbliebenen, die nie von dem Verfahrenen Kenntnis erhielten, weil sie laut Justiz „im Prozess keine Rolle spielen“, von Anwohnern, die sich über den Pogrom gegen ein Asylheim “köstlich amüsierten“ und „Menschen, die einfach ein Zeichen setzen wollten“. Erst mit Blut, dann mit Grabschändung. 

14.687 Menschen starben laut der NGO Fortress Europe zwischen 1988 und 2009 an der EU-Grenze. Zwei von ihnen sind Eudace Calderar und Grigore Velcu. Jäger hätten zwei illegale Einwanderer mit Wildschweinen verwechselt. Der mit kriminologischem Scharfsinn rekonstruierte Vorfall ereignete sich nahe der deutsch-polnischen Grenze, zum Tatzeitpunkt auch die der EU. Dahinter zeichnet sich eine andere Grenze ab, zwischen Gegenwart und brauner Vergangenheit, zwischen Aufklärung und menschenlebenverachtenden Gedankengut. 612 Personen seien allein im Juni des gleichen Jahres in der Region bei der illegalen Einreise aufgegriffen worden, heißt es. 

Viele Ortsansässige, erinnert sich eine Beamtin, verzichteten aufgrund der Möglichkeit, einen von ihnen vor die Flinte zu kriegen, auf die Jagd nach Wildtieren. Andere, daran erinnert Revision, sind deswegen auf die Jagd gegangen. Nach Menschen. 

  • OT: Revision
  • Regie: Philip Scheffner
  • Drehbuch: Merle Kröger, Philip Scheffner
  • Produktionsland: Deutschland
  • Jahr: 2012
  • Laufzeit: 106 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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