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Berlinale ’12: „Golden Slumbers“ trauert um Kambodschas verlorene Kinoschätze

Berlinale ’12: „Golden Slumbers“ trauert um Kambodschas verlorene Kinoschätze

Vichara Dany, Cheah Yuthorn, Vann Vannak. Ihre Gesichter und die ihrer Kolleg_innen strahlen von Filmposter, Sammelbildern und Werbedrucken: Gespenster einer vergangenen Ära, die Davy Chous sehnsuchtsvolle Hommage an das Goldene Zeitalter des kambodschanischen Kinos heraufbeschwört. Mit den verblassten Stars ersteht eine faszinierende Welt, bevölkert von geheimnisvollen Göttinnen, Kriegern, Schlangenmädchen, Krokodilmänner, mystischen Kämpfen und glühender Liebe.Verschwindend wenig ist von jenem überreichen Kinokosmos geblieben. Unter den Roten Khmer wurde die von 1960 bis 1975 boomende Kinobranche in ihrer Blütezeit zertreten. 

Die Mehrheit der über 400 entstandenen Filme wurden vernichtet. Vormals vielbesuchte Kinos wurden als Stätten sozialen Niedergangs während des Bürgerkrieges bombardiert. In tragischer Ironie bescherte der heraufziehende Schrecken Filmpalästen einen letzten Aufschwung. „Je näher die Kämpfe rückten, desto mehr brauchten die Leute Unterhaltung, um den Krieg zu vergessen“, erinnert sich der ehemalige Filmproduzent Ly Bun Yim. „Bis zuletzt haben wir Widerstand geleistet.“. Ein vergebliches Aufbäumen schillernder Kultur gegen Terror und Unterdrückung. Dann stand der Feind tatsächlich vor der Tür des Hemakcheat und Dutzender anderer Lichtspielhäuser. 

Die prachtvollen Kinobauten scheinen inspiriert von den Palästen und Pagoden aus Abenteuerklassiker und Romanzen. Vergoldete Balkone, samtene Sitzreihen und farbenfrohe Anzeigetafeln standen einst dort, wo die Kamera heute Abfall findet und schäbige Gemeinschaftsunterkünfte. „Alles wurde niedergebrannt“, berichtet einer der damals erfolgreichsten Produzenten und Regisseure unter Tränen. Ein Filmschatz ist verwittert, verbrannt und verrottet in überfluteten Kellern. Aber nicht vergessen – noch nicht. Die idealistische Melange aus Reminiszenz und Elegie mit dem auf Bunuel anspielenden Titel bewahrt die Nacherzählungen von Filmplots und Augenzeugenberichte. 

Der Mangel der Visualisierung kambodschanischer Folklore und Imagination ist eine ideelle und seelische Wunde. Die Filme und ihre Stars, von denen die wenigsten das Terrorregime überlebten, wurden zum Sinnbild für die getöteten Freunde und Angehörige. Die systematische Vernichtung der Landesfilmbranche durch die Roten Khmer wiegt umso schwerer durch die unterbewusste Verknüpfung des kulturellen Verlusts mit dem persönlichen. „Bei meiner Familie kann ich mich nicht an die Gesichter erinnern. Aber bei den Schauspielern“, sagt einer der Cineasten, der Namen der verfolgten und ermordeten Leinwandgrößen aufzählt. 

Die ebenso bewegende wie bedeutsame Dokumentation erweckt nicht eine untergegangene Ära zu glitzerndem Leben. Sie ist zugleich ein universelles Monument der sozialen und emotionalen Bedeutung von Film und Kunst generell als Trost im Angesicht unvorstellbaren Grauens und als Mittel zu dessen psychologischer Aufarbeitung. Tragischer als Sehnsucht ist eine Leerstelle. „Es gibt noch andere großartige Szenen“, schwärmt Ly Bun Yim, nachdem er den Anfang der berühmten Großproduktion The Seahorse beschreibt. „Aber die erzähle ich euch nicht. Sonst wollt ihr den Film sehen. Und ich kann ihn euch nicht zeigen.

  • OT: Le sommeil d’or
  • Regie: Davy Chou
  • Drehbuch: Davy Chou
  • Produktionsland: Kambodscha
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 96 min.
  • Beitragsbild © Berlinale / Doc & Film International