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Playing nice: „Woody Allen: A Documentary“

Playing nice: „Woody Allen: A Documentary“

Die meisten Überraschungen sind negativ. Das findet Woody Allen und Robert Weide stimmt ihm darin offenbar zu. Ansonsten würde der Regisseur wenigstens ein paar Millimeter weit abweichen vom Weg der ängstlich-angepassten Bigotterie, dem sein seine verkappte Idolatrie folgt. Der Titel A Woody Allen: Documentary ist irreführend, denn die oberflächliche Annotation Allens filmischer Erfolge befasst sich weder mit dem Menschen hinter der Kunstfigur „Woody Allen“, noch ist ihr Ansatz dokumentarisch. Mit Hilfe eines üppigen Fundus ausgewählten Archivmaterials konstruiert Weide eine Hagiographie, komplett mit Sündenfall und Erlösung. Ähnlich wie der Titelcharakter in seinen Hollywoodstreifen ist eines der obersten Ziele dabei nicht Erkenntnis über oder Tiefgang in eine Thematik, sondern deren Zurechtstutzen zu oberflächlicher Unterhaltung.

Letzte will keine unerwarteten Aspekte und erst recht keine unangenehmen. Dergleichen könnte ja das Publikum zum Nachdenken anregen, oder schlimmer noch: den Mann im Zentrum. Ihm folgt die Handlung durch die Straßen der schicken Viertel New Yorks, das zum heimlichen Star einiger der berühmtesten Allen-Komödien wurde, und entlang der eigenwilligen Wege des Lebens. Genau wie Allen stets peinlich darauf bedacht war, die hässlichen Seiten der Metropole entweder ganz zu verstecken oder auf eine Weise zu banalisieren, die das Zielpublikum sicher in seinem bürgerlichen Elfenbeinturm lässt. Nie wag das Schaffensbild einen Blick hinter die Bühnenpersönlichkeit, die ein Wegbegleiter klischeetreu beschreibt: „Dieser etwas zwergenhafte Mann kam auf die Bühne und begann zu reden.

The Woody Allen Case

Geredet wird viel vor der Kamera, ohne viel zu sagen. Interviews mit Freunden und Kollegen vermeiden Fragen zu Dylan Farrows Missbrauchsvorwürfe und Allens Beziehung zu Adoptivtochter Soon Yi. Keine Überraschungen. Nicht für den hofierten Filmemacher, nicht für seine Fans und letztlich auch nicht für seine Kritiker, denn das Ignorieren der heiklen Thematik Kindesmissbrauch und Pädophilie hat nicht nur in Hollywood Tradition. Warum? Zumindest auf diese Frage gibt Weides geschöntes Porträt eine Teil-Antwort: weil Dokumentaristen statt nach der Wahrheit hinter einer Publicity-Fassade zu suchen, lieber zur Unterdrückung der Wahrheit beitragen. Mit einem Film, der nichts von all dem enthält, „was Sie schon immer wissen wollten und nie zu fragen wagten“.

  • OT: Woody Allen: A Documentary
  • Regie: Robert B. Weide
  • Drehbuch: Robert B. Weide
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 113 min.
  • Kinostart: 05.07.2012
  • Beitragsbild © NFP marketing & distribution