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Menschen ohne Grenzen: Kritik zu „Black Brown White“

Menschen ohne Grenzen: Kritik zu „Black Brown White“

Den Nimbus, den sich Erwin Wagenhofer mit den herausragenden Dokumentationen Let‘s make Money und We feed the World verdiente, verbrennt der Filmemacher in einem allegorischen Road Movie, dessen belehrende Simplizität all die emotionale Wucht der Dokumentarwerke missen lässt. Der von der leicht durchschaubaren Story vorgezeichnete Weg führt zu mehr Menschlichkeit, ein Gut, dass es in der imaginierten Welt Wagenhofers und seiner Co-Drehbuchautorin Cookie Ziesche ohne spürbaren emotionalen Ballast gibt. Die Reisenden auf der Straße die hier einmal mehr jeden zu sich selbst und brav nach konservativer Moral einer zur Familie führt, sind Reißbrett-Figuren, denen die soliden Darsteller kein Leben einhauchen können.

Überhaupt wirkt wenig aus dem Leben gegriffen oder davon durchdrungen in der sentimentalen Geschichte, deren Naivität sie fast zur Utopie macht – oder zu Kindermärchen. Fernfahrer Don Pedro (Fritz Carl) ist abgestumpft in den einsamen Jahren, die er für seinen querschnittsgelähmten Arbeitspartner und Freund Jimmy (Karl Markovics) auf Tour geht. Im Bauch seines Trucks schmuggelt er regelmäßig Flüchtlinge von Marokko über die EU-Grenze nach Österreich. Der Menschenhandel ist für ihn Routine, aus der ihn erst die Begegnung mit der jungen Jackie (Clare-Hope Ashitey) reißt. Mit ihrem kleinen Sohn Theo ist sie auf dem Weg in die Schweiz, wo sie den Vater des Jungen sucht. In der Fahrerkabine kommen sich die beiden von Kilometer zu Kilometer näher. In einer Immobiliensiedlung, wo die drei sich in einem leerstehenden Reihenhaus übernachten, scheinen die Reisenden am Ziel, das Familie, Paarbeziehung und Verantwortung heißt.

Zu leicht überwinden die Charaktere ihre anfängliche Skepsis und das durch traumatische Erfahrungen genährte Misstrauen gegeneinander, das nur Jackie ausspricht: “Alle Männer laufen davon.“ Aber nicht Don Pedro, der eigentlich Peter heißt, und dem Elend vor seinen Augen erst ins Gesicht sieht, als es ihn mit Jackies anziehenden Augen ansieht. Die Vielzahl an Themenansätzen, emotional, familiär, politisch und sozial, werden beiseite gelassen. Mit schwerfälliger Dramatik und verkrampftem Humor tastet sich die Filmreise entlang einer moralischen Grauzone. Ein wenig Romanze zweier Heimatloser, die im Herzen des anderen ein zu Hause finden, ein wenig Spät-Western über einen modernen Lone Rider, halb Gesetzloser, halb Held und ganz viel Melodrama von Glück, das die belohnt, die das Richtige tun.

  • OT: Black Brown White
  • Regie: Erwin Wagenhofer
  • Drehbuch: Erwin Wagenhofer, Cookie Ziesche
  • Produktionsland: Österreich
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 106 min.
  • Cast: Wotan Wilke Möhring, Fritz Karl, Clare-Hope Ashitey, Karl Markovics, Emilio Buale
  • Kinostart: 03.11.2011
  • Beitragsbild © NFP marketing & distribution