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„Sarahs Schlüssel“ eröffnet abgeschmackten Historienkitsch

„Sarahs Schlüssel“ eröffnet abgeschmackten Historienkitsch

Manchmal können wir unsere eigene Geschichte nicht erzählen. Das gesteht Gilles Paquet-Brenner in seinem seichten Melodram selbst ein. Der Regisseur hat jedenfalls arge Schwierigkeiten seine auf Tatiana De Rosnays gleichnamigen Roman basierende Story auf die Reihe zu kriegen. Blöderweise hilft ihm aber keine unbeirrbare Journalistin wie Julia Jarmond (Kristen Scott-Thomas), die genau wie sich selbst verbrämt. „Wenn eine Geschichte nie erzählt wird, wird sie etwas anderes“, belehrt die rührselige Leinwandadaption, „Vergessen“. Ein Monument wider dieses behauptet Pauqet-Brenner zu errichten.

Doch die Patina historischer Relevanz ist dünn auf dem schwülstigen Selbstfindungsdrama einer sich vernachlässigt fühlenden Oberschichtgattin, die das Ticken der biologischen Uhr dem Gespenst eines verfolgten und verschleppten Kindes hinterher jagen lässt. Durch Julias Augen blickt der Plot auf die Razzia des Vel d´Hiv und die Judenverfolgung. Ein Thema mit kommerziellem Potenzial, wie die Protagonistin erläutert. „Leser lieben Geschichte. Und über die hier wissen die meisten nichts. Guckt euch die an.“ Die Kamera blickt vorwurfsvoll ins Publikum, das nach Meinung der Filmemacher null Ahnung von nichts hat. Aber ganz so direkt wird die Herablassung dann doch nicht ausformuliert. „Die“ sind zwei Jungmitarbeiter und Stichwortgeber: „Vel d´Hiv? Was ist da passiert?“ Der Name des Stadions, in dem rund 13.000 Juden vor ihrer Deportation 1942 eingepfercht wurden, evoziert eine historische Schuld, von der nur die gebürtige New Yorkerin Julia frei ist.

Doch nicht kollektive Duldung schrecklicher Verbrechen ist Thema. Lukrativer ist, sich „von Statistiken zu lösen und jedem Schicksal ein eigenes Gesicht zu geben“, am besten ein kindliches wie das der Titelfigur (Melusine Mayance). Bei Ankunft der Polizei sperrt sie ihren Bruder in einen Wandschrank. Klappe zu, Bruder tot. Nicht nur ihrem Vater erscheint die absurde Tat unbegreiflich und brutal, doch an psychologischen Erklärungen für die fatale Handlung des Mädchens kümmern Pauqet-Brenner nicht. Hektische werden Fluchtstationen abgearbeitet, denn Sarah will plötzlich wieder zurück zu Michel. Der Schrankschlüssel, den sie eisern bewacht, fällt nach Jahrzehnten dem rechten Besitzer in die Hände – dank Julias Einsatz. Weil es das Richtige sei, antwortet sie gefragt, warum sie all dies tue.

Richtig sei auch, dass sie beider Baby gegen den Wunsch ihres Partners behalte, mehr noch: „ein Wunder“. Nur heißt das nicht Jesus, sondern Sarah. Creepy. Oder wie es einmal heißt: „Die Beschäftigung mit diesem Thema übersteht man nicht unbeschadet.“ Am Ende hat gefühlt jeder einen Knacks weg, auch im Publikum.

  • OT: Elle s’appelait Sarah
  • Regie: Gilles Paquet-Brenner
  • Drehbuch: Serge Joncour, Gilles Paquet-Brenner
  • Produktionsland: Frankreich
  • Jahr: 2010
  • Laufzeit: 111 min.
  • Cast: Kristin Scott Thomas, Mélusine Mayance, Niels Arestrup, Frédéric Pierrot, Michel Duchaussoy, Dominique Frot, Natasha Mashkevich, Gisèle Casadesus, Aidan Quinn
  • Kinostart: 15.12.2011
  • Beitragsbild © Camino