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Berlinale ’11: Zhang Yimous melancholische Jugendromanze „Under the Hawthorn Tree“

Berlinale ’11: Zhang Yimous melancholische Jugendromanze „Under the Hawthorn Tree“

Der Weißdorn blüht nicht. Seine Knospen dürfen sich nicht entfalten wie es die Liebe zwischen Jing und Sun nicht darf. „Ein falscher Schritt kann dein ganzes Leben ruinieren“, warnt Jings Mutter die Jugendliche. Ein solcher ist im maoistischen China leicht getan, weiß die Tochter eines politischen Häftlings. Schule, Arbeit, Freiwilligendienst, Gehorsam. Einzigdie Liebe zu Sun bringt einen vagen Hoffnungsschimmer und Zärtlichkeit in Jings trostlose Existenz. Doch die gemeinsame Zeit mit dem Sohn eines Parteikaders währt kurz.  

Am Titelort beginnt und endet die Handlung von Zhang Yimous zartfühlendem Liebeslied. Das Fortdauern des Baumes und der sehnsuchtsvollen Ballade, die sich um ihn rankt, ist stummer Trotz gegen die Unterdrückung. „So erzählt man, so erzählt man…“, murmelt ein alter Lehrer, als ein Parteikader ihn unterbricht, um Staatsdoktrin zu predigen. Aus seinen leisen Worten spricht das Wissen um die unzähligen Kulturschätze, die vor der Revolution bestanden und nach ihr bestehen werden. Das Lied und der Weißdorn währen noch im letzten von Yimous ruhigen Bildern, bevor der Abspann Dunkelheit über sie senkt. Doch ihr Triumph ist bitter.                                                      

Jing und Sun tragen beide auf ihre Weise Spuren von ihrer Beziehung davon. Jings Füße zeigen die Wundmale der Arbeit, zu der sie sich aus Furcht vor Repressionen freiwillig gemeldet hat. An Suns Arm vernarbt der Schnitt, den er sich vor ihren Augen zufügt. Die physischen Verletzungen stehen für die seelischen Wunden. Psychische und körperliche Verletzungen fügen die Jugendlichen sich selbst zu, weil der auf alle Lebensbereiche ausgeübte staatliche Druck sie zwingt. Politische Umerziehung wuchert zu emotionaler Umerziehung. Das pervertierte System konditioniert seine Untertanen zum Masochismus. 

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Manche schmerzen jeden Tag schlimmer. Die Qual der Trennung wächst beständig. Verblasst die Erinnerung, besiegelt Vergessen den Verlust. „Ihr habt noch soviel Zeit“, sagt Jungs Mutter, von Suns schwerer Krankheit nichtsahnend. Die Ermahnungen nötigen das Paar zur Trennung, wie sie Jings Eltern erleiden. Unbewusst zwingt Jings Mutter ihrer Tochter das Schicksal auf, welches sie ihr ersparen will. 

Der wehmütige Tonfall der alten Mutter verrät, dass sie die Hoffnung auf eine Zukunft mit ihrem Mann aufgegeben hat. Ein Wiedervereinigung im Alter kann das verlorene Glück der Jugend nicht ersetzen. Nur in einer einzigen Szene zeigt Zhang Yimou die Blüten. Dann sind sie weiß, eine Farbe der Trauer. Die roten Blüten bleiben unsichtbar, wie das, was sein könnte. Was ersehnt, erhofft oder erzählt wird, aber nicht ist. Was niemals sein wird. Under the Hawthorne Tree weilen nur vergebliche Lieder, kein Glück. 

  • Beitragsbild © Berlinale
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