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Berlinale ’11: Konfrontation Kinderspiele im anarchischen „Jess + Moss“

Berlinale ’11: Konfrontation Kinderspiele im anarchischen „Jess + Moss“

Eines Tages werde ich aus diesem Ort verschwinden, sagt Jess (Sarah Hagan). Eines Tages werde ich verdammt noch mal von hier verschwinden. Weg aus Kentucky, weg von diesem Nicht-Ort. Zwei der verlorenen Seelen im Nirgendwo sind Jess + Moss. Ein paar verwackelte Szenen, kaum über 80 Minuten, zwei Häuser, fünf Menschen darin in den endlosen Weiten der Tabak-Plantagen. Mehr braucht Clay Jeter nicht für sein sengendes Kinodebüt.

Alles in ihrem Lebensgefängnis hasst Jess, sogar sich selbst. Nur nicht Moss (Austin Vickers). Mit ihm verbringt sie ihre Zeit, obwohl sie schon 18 ist und Moss erst zwölf. Cousin und Cousine zweiten Grades sind „Jess + Moss“, entfernt verwandt, doch emotional ganz nah. Meine Eltern und deine Eltern waren beste Freunde, erzählt Jess Moss immer wieder. Es gab einen Sturm und einen Unfall. Du bist alt genug, einen Job zu kriegen und deine eigenen Kippen zu kaufen, sagt der Mann, mit dem Jess das verwahrloste Haus teilt. Ihr Stiefvater, ihr Onkel. Irgendwer, den ihre Mutter dort gelassen hat. Von einem alten Tonband warnt die abwesende Mama die Tochter: Männer sind allesamt bemitleidenswert. Sieh dich bloß vor! Manchmal verwandelt sich Jess mit ihren Sachen vor dem Spiegel in eine armselige Marilyn-Monroe-Kopie. 

I wake up in the morning and I wonder
Why ev’rything is the same as it was
I can’t understand, no, I can’t understand
How life goes on the way it does

Skeeter Davis

Eines Tages war Jess´ Mutter fort. Wie Jess eines Tages fort sein wird. Der Koffer ist gepackt, seit Monaten, seit Jahren. Womöglich ist es ein Koffer, den ihre Mutter zurückgelassen hat. Zurückgelassen wie Jess. Euer Gedächtnis ist vollkommen, erklärt eine Lehrschallplatte von Moss. Wenn etwas Schreckliches geschieht und man den Schmerz nicht nochmal fühlen will, kann das vollkommene Gedächtnis das Erlebte unterdrücken. „Aber es ist immer noch da“, sinniert die Schallplattenstimme. Seltsam, sagt Jess zu Moss. Wenn man die Dinge jeden Tag sieht, bemerkt man nicht, wie sie sich verändern. Man erkennt nicht, wie es schlimmer wird. Wie lange hast du den dummen Koffer eigentlich schon gepackt, ruft Moss schließlich wütend. Wenn der Schmerz zu lange andauert, hört man manchmal auf ihn zu fühlen. Auch den Schmerz von Freunden. 

Der Titel ist bruchstückhaft wie die Handlung. Die Kamera von Regisseur Jeter und dessen Co-Kameramann Will Basanta bannt die schwüle Ödnis in unscharfe, grobkörnige Momentaufnahmen. Schwelende Perversion wuchert in der pathologischen Atmosphäre aus religiöser Strenge und Verwahrlosung. Eine chronologische Handlung gibt es nicht. Veränderung scheint erstickt von der beklemmenden Atmosphäre. Jede Form von Individualität wird hier abgewürgt wie die vagen Fluchtphantasien der Protagonistin. Seine Geschichte erzählt das in grießigen Bildern gehaltene Drama mehr intuitiv als chronologisch. Fesselnd authentisch und fast schmerzhaft unmittelbar, ist das harsche Jugenddrama ein Erwachsenenfilm für Kinder, ein Kinderfilm für Erwachsene. 

  • Beitragsbild © Berlinale