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Berlinale ’11: „The Kid who Lies“ erzählt wahre Lügen

Berlinale ’11: „The Kid who Lies“ erzählt wahre Lügen

Seine Mutter betete, aber kein Heiliger kam und rettete sie, erzählt der Junge. Ihr Leben hat sie für den 13-Jährigen Sohn geopfert an dem Tag, als eine Schlammlawine Tod und Zerstörung über Venezuelas Bevölkerung brachte. Die Lawine hat sie erschlagen, sie ist ertrunken, streunende Hunde haben sie zerrissen – oder den Vater. Das Horrormärchen passt sich den Zufallsbekanntschaften an, die ihm aus Mit- oder Schuldgefühl weiterhelfen. Einen Namen gibt Marite Ugas dem Titelprotagonisten ihres parabolischen Jugenddramas nicht. Der Junge steht für eine Generation Verwaister und Entwurzelter auf der vergeblichen Suche nach Zugehörigkeit. 

Vor dieser jedoch schreckt der Jugendliche unweigerlich zurück, wo sie sich ihm äußerlich verlockend anbietet. Seine fiktiven Biografien, die er mal zur Manipulation, mal zur Unterhaltung seiner Zuhörerschaft ausbreitet, sind unbewusster Versuch der Traumabewältigung. Durch das Lügennetz sickert ein nie konkretisierter Verlust, den er vor zehn Jahren während der Unglücks erlitt. Jener authentische Schmerz ist der wahre Kern der Schwindelei. Jener Trennungsschmerz eines Landes gezeichnet von Leid und Verlust wird zur Existenzgrundlage des Hauptcharakters. Er zehrt von den Resten der Toten, trägt ihre Sachen, sitzt an ihrem Platz. Die Katastrophe schafft eine trügerischen Solidarismus. Hilfe ist nie umsonst, ist nie wirklich Hilfe, sondern stets ein verqueres Geschäft. 

Nicht selten verliert der Junge trotz seiner Gerissenheit bei den Handeln. Doch Gewinner gibt es nicht in der elliptischen Inszenierung. Seine Reise zur womöglich noch lebenden Mutter und einer Identität ist eine Kreisfahrt, auf der es nichts zu lernen oder begreifen gibt. Die Regisseurin romantisiert die Ausweglosigkeit nicht. In dem von Vorspiegelungen motivierten Plot hält sie sich als Einzige an die Realität. Der pragmatische Antiheld ist nicht besser oder schlechter als jene, die seinen Weg kreuzen. Alle sind auf unterschiedliche Weise Opfer der Katastrophe. Ihr Leid zumindest ist unleugbar und echt.

  • OT: El Chico que miente 
  • Regie: Marite Ugas 
  • Drehbuch: Marite Ugas, Marianne Rondon
  • Produktionsland: Venezuela, Peru 
  • Produktionsjahr: 2011
  • Laufzeit: 99 min.
  • Cast: Iker Fernandez, Francisco Deniz, Maria Fernanda Ferro, Beatrice Vasquez, Laureano Olivarez, Dimas Gonzales, Gladys Prince
  • Beitragsbild © Berlinale