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Berlinale ’11: Michel Ocelots „Contes de la Nuit“ sind ebenso hübsch wie banal

Berlinale ’11: Michel Ocelots „Contes de la Nuit“ sind ebenso hübsch wie banal

Wären die Geschichten von Marcel Ocelots Episodenmärchen nur halb so malerisch wie scherenschnittartigen Animationen, reichte der Wettbewerbsbeitrag womöglich für mehr als eine possierliche Fingerübung. Doch der einzige Funken Magie steckt im Namen der Laterna Magica, die in der Rahmenhandlung die von Lotte Reiniger inspirierten Fabel an die Wand wirft. Der als Zeremonienmeister agierende Techniker, Alter Ego des Regisseurs und Drehbuchautors, erinnert weniger an den Zauberer, für den Ocelot sich nach eigener Aussage hält, als einen alten Kuppler. Seinem Ersatzkinderpublikum, einem Jungen und einem Mädchen, zeigt er die immer gleichen verstaubten Morallehren und Klischees von Edelmut, Ehrlichkeit, Ehrbarkeit und Einfallsreichtum, alle vorgeblich im Namen der Liebe. 

Letzte bleibt in jedem der simplen Histörchen eine hohle Behauptung. Nicht anders die von der kalkulierten Produktion geschickt vorgegaukelte Liebe zum Erzählen, die tatsächlich eine zum Belehren ist. Die austauschbaren Protagonisten sollen Archetypen sein, sind jedoch eher Stereotypen, platt und substanzlos wie die Schatten, als die sie auftreten. Menschenfressende Ungeheuer, Flüche, böser Zauber und Intrigen müssen überwunden werden, damit Junge und Mädchen ein Paar werden können. Heteronormative Zweisamkeit ist das ultimative Ziel in dieser phantasiearmen Phantasiewelt, die ihre Inspirationen verrät und verleugnet. Tragik, Grausamkeit und Trauer, die allen klassischen Kunst- und Volksmärchen ihre Dynamik verleihen, wurden im Namen kommerzieller Familientauglichkeit getilgt. 

Die Nachtgeschichten erinnern an Gute-Nacht-Geschichten, zum Einschlafen öde und repetitiv. Alpträume schaffen die engstirnigen Konstrukte von heterosexueller Partnerschaft als einzig wahrer Liebe, der platonische und fürsorgliche Liebe geopfert werden, vom ewigen und unvermeidlichen Sieg des „Guten“, von Tugend und Mühen, die nie unbelohnt bleiben. Untergraben wird die visuell beschworene Atmosphäre vom aufdringlichen Selbstlob, das statt Humor oder Charakterentwicklung aus den Dialogen quillt: „Seht nur, die wundervollen Kostüme“, „Welch großartige Vielfalt an Frisuren“, „Was für schöner Hibiskus“. Was für schöne Augenwischerei. Fast Schade, dass der papierdünne Mummenschanz allzu leicht zu durchschauen ist. 

  • OT: Les Contes de la Nuit
  • Regie: Michel Ocelot
  • Drehbuch: Michel Ocelot
  • Produktionsland: Frankreich
  • Jahr: 2011
  • Laufzeit: 74 min.
  • Cast: Julien Béramis, Marine Griset, Michel Elias, Olivier Claverie, Isabelle Guiard, Yves Barsacq, Legrand Bemba-Debert, Fatoumata Diawara, Fabrice Daudet Grazaï, Sabine Pakora, Gérard Diby
  • Beitragsbild © Berlinale