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Berlinale ’09: „The Secret of Kells“ bezaubert mit der Magie der Kunst

Berlinale ’09: „The Secret of Kells“ bezaubert mit der Magie der Kunst

Kunst ist stärker als Waffengewalt, Gottesglaube und Menschengebote, weil ihre Schönheit alles transzendiert. Selbst die Zeit kann ihr nichts anhaben, solange die kostbaren Werke nur vor ihrem Zugriff aufbewahrt werden. Das ist die hintergründige Botschaft des bezaubernden Animationsfilms von Nora Twomey und Tomm Moore. Der irische Regiseur schuf mit Song of the Sea ein weiteres, nicht minder wundervolles Kinokunststück, dessen poetische Melancholie jedoch weit sanfter ist als die bisweilen blutige Düsterkeit von The Secret of Kells. Jenes Geheimnis ist weniger ein lösbares Rätsel als eine Umschreibung für das Mysterium der Kunst; sie offenbart sich in dem filigranen Plot als eine universelle Sprache, die manche wie von selbst verstehen und andere nicht.

Der wissbegierige Schriftlehrling Brendan (Evan McGuire), der im 9. Jahrhundert in einem irischen Mönchskonvent Kells aufwächst, lauscht dieser Sprache, wenn er die mit schillernden Illustrationen geschmückten Bücher der Abtei Reichenau bestaunt. Sein hartherziger Onkel Cellach (Brendan Gleeson) hingegen ist taub für das Flüstern der Bücher, die er einzig ob ihrer religiösen und historischen Einzigartigkeit ehrt. Das strenge Oberhaupt des Klosters tadelt Brendans Liebe zur Illumination, des Malens jener verschlungene Symbolbilde, die den zeichnerischen Stil des atemberaubenden Fantasy-Abenteuers inspirierten. Seinem Onkel zum Trotz erkundet Brendan die umliegenden Wälder, wo die geisterhafte Aisling (Christen Mooney) ihn erwarten – und große Gefahren.

In Familienfilmen oft allzu präsente Morallehre ersetzt ein universelles Gleichnis von Licht und Schatten, eine visuell und dramatisch gleichermaßen faszinierende Übersetzung keltischer Kunst und Legenden in an detaillierte Holzschnitte erinnernde Trickszenen. Die von bunter Lebendigkeit zu bedrohlicher Finsternis wechselnde Farbpalette wird zum dramaturgischen Hauptelement. Grausamkeit und Obskurantismus haben in den filmischen Bildschnitzereien verschiedene Gestalt, sei es die der keltischen Gottheit Crom Cruach oder der plündernden Wikinger, die mit gehörnten Helmen und glühenden Augen an Höllenwesen erinnern. Nach Cellachs Willen soll Brendan einmal sein Nachfolger werden, doch Brendan träumt von einem Wirken als ein Illuminator, wie es Bruder Aidan (Mick Lally) ist.

Der Gelehrte sucht in Kells einen Gehilfen und Zuflucht vor einer finsteren Bedrohung, der sich auch Brandan stellen muss. „Die Dunklen“ nennt Cellach die Wikinger. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Steinwall, den er zum Schutz errichten will. Die Mauer versinnbildlicht die selbstauferlegte Beschränkung seines Geistes, der sich Brandans Bedürfnissen genauso verschließt wie der Überdauernskraft der Malerei. Verlust, Verlassenheit und Kummer öffnen seinen Blick für das, was die poetische Erzählung voller versteckter historischer Anspielungen (wie die weiße Katze Pangur Bán) den kindlichen Zuschauer auf spielerische Art nahe bringt. Das Resultat ist ein cineastisches Kleinod, das noch intensiv strahlt, wenn aufwendige Animations-Blockbuster längst vergessen sind.

  • OT: The Secret of Kells
  • Regie: Tomm Moore, Nora Twomey
  • Drehbuch: Tomm Moore, Nora Twomey
  • Produktionsland: Frankreich, Irland, Belgien
  • Jahr: 2009
  • Laufzeit: 75 min.
  • Cast: Brendan Gleeson, Liam Hourican, Mick Lally, Michael McGrath, Evan McGuire
  • Beitragsbild © Ascot Elite Home Entertainment