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Berlinale ’18: „Inland Sea“ betrachtet ein verfallendes Fischerdorf

Berlinale ’18: „Inland Sea“ betrachtet ein verfallendes Fischerdorf

Beobachtung. Sie sei der Schlüssel zu seiner filmischen Arbeit, berichtet Kazuhiro Soda. Vor fünf Jahren eröffnete sie ihm Eingang in die unaufgeregte Welt seines neuen Werks. Es ist die ephemere Skizze eines Orts und einer Lebensweise, die im Verschwinden begriffen sind. Ushimado heißt das kleine Fischerdorf, in dem die Familienwurzeln seiner Frau und Arbeitspartnerin Kiyoko Kashiwagi liegen. Das beschauliche Nest war bereits Schauplatz seiner Dokumentation Oyster Factory. Nun kehrt das Filmemacherpaar zurück für einen zweiten Blick auf das simple und beschwerliche Leben der Einwohner. Viele sind es nicht mehr, die es in der zerfallenden Gemeinschaft hält. Kaum einer der Anwohner, denen Soda und Kashiwagi unterwegs mit der Kamera begegnen, steht vor dem Greisenalter.

70 Jahre sei er, sagt der Fischer Herr Murata, der tagein, tagaus an der Mole seine Netze flickt. „Nein, 86!“ Vom Vergehen der Zeit merke er nichts mehr, berichtet der alte Mann, zu dessen Tag- und Nachtwerk die Filmemacher immer wieder zurückkehren. Doch spurlos sind die Jahrzehnte nicht an ihm vorbei gegangen. Es sei Zeit, aufzuhören, meint Murata, und meint damit scheinbar nicht nur die Arbeit, sondern das Leben selbst. Er ist nicht der einzige lebensüberdrüssige der Gesprächspartner, die der Zufall oder Neugier über den ungewöhnlichen Besuch in der eintönigen Provinz zu den Filmemachern führen. Hinter dem Gleichmut der Menschen liegt drückende Müdigkeit, die sich während der bedächtigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf das Publikum überträgt.

Sodas puristischer Dokumentaransatz erlaubt weder Recherche, noch ein Kamerateam, ein Skript oder ein übergeordnetes Thema. Vom Hafen führt die Erkundungstour mit der Fischhändlerin Frau Koso vom Markt zu den Häusern ihrer Stammkäufer. An jeder Ecke warten Anekdoten und Katzen, viele Katzen. Ihnen wird das Dorf gehören, wenn die alte Generation verstorben ist. Für die Jungen gebe es hier keine Zukunft, erzählt Murata. Werkzeug koste mehr, Fisch verkaufe sich billiger. Sind die erwachsenen Kinder einmal aus dem Haus, zieht die Einsamkeit ein. Die rüstige Frau Muragimi pflegt auf dem geisterhaften Friedhof als eine der Letzten die verwitternden Gräber. Bald werden es noch mehr sein – und niemand mehr da, der sie darum kümmert.

Die minimalistische Bestandsaufnahme bringt ihr Motiv nicht mit, sondern findet es scheinbar zufällig an einer Landecke, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Dort bleibt die Kamera leise Beobachterin und erhält gerade dank dieser Zurückhaltung persönliche Einblicke in den Alltag der Anwohner. Ein nachdenklicher Bildbericht voll karger Poesie, schlichter Lebensporträts und vieler, vieler Katzen.

  • OT: Minatomachi
  • Regie: Kazuhiro Soda
  • Produktionsland: Japan, USA
  • Jahr: 2018
  • Laufzeit: 122 min.
  • Beitragsbild © Berlinale
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