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„Die Schöne & das Biest“ ist noch übler als die Disney-Version. Zumindest fast.

„Die Schöne & das Biest“ ist noch übler als die Disney-Version. Zumindest fast.

Lasst uns alle etwas Wünschen“, ermuntert Lea Seydoux in der Eröffnungsszene, also schnell die Finger kreuzen und flüstern: „Einen tollen Film.“ Spoiler: das Fantasy-Fiasko war keiner. Schuld daran ist die grobe Verletzung der Wunsch-Vorschriften, die mit zuckersüßer Stimme von der Hauptdarstellerin ergänzt werden: „Aber verraten wir es nicht, sonst geht es nicht in Erfüllung.“ Die Mahnung beachten brav die zwei Kinderlein, die im Prolog gebannt lauschen, was Mami ihnen für Märchen erzählt. Dieses vorbildliche Publikum soll sich offenbar das Publikum im Kinosaal zum Beispiel nehmen, wenn Christophe Gans sein Movie-Märchen vorträgt. Dessen Titel hält am französischen Original fest und lädt somit zum direkten Vergleich mit Jean Cocteaus Meisterwerk. Das erwähnt Regisseur und Co-Drehbuchautor Gans im Presseheft mit Gelächter: „Natürlich wird es immer Leute geben, die sagen, Cocteau wäre besser!

Klar, das sind dann irgendwelche nörgelnden Puristen mit Beschwerden wie: Im Buch hat Belle nicht drei Brüder, die sich mit Verbrechern angelegt haben, deren narbengesichtiger Anführer (Edouardo Noriega) die Familie bedroht und eine wahrsagende Geliebte (Myriam Charleins) hat. Und das Biest war nie der jagdwütige Gatte (Vincent Cassel) der Nymphe des Waldes (Yvonne Catterfeld), die als goldene Hirschkuh vor seiner Armbrust rumspringt. Es gibt erst Recht keinen Waldgott, der auf seinen Schwiegersohn stinksauer wird, keine magischen Leuchtkugeln („Wir sind die Glühwürmchen…“) und keine Meute mutierter Beagles, die durch das Schloss wuselt. Die Heilwasserquelle sieht aus wie Plastik, Belles Schmuck wie Styropor, der Kunstschnee wie Styropor-Pellets und das Schloss und seine Skulpturen sehen aus wie Pappmache.

Der Plot verstümmelt Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuves Kunstmärchen und verhunzt es mit einer ausufernden Nebenhandlung voll zweifelhafter Moralbotschaften. Belle (Seydoux) verkörpert das antiquierte Ideal einer folgsamen, aufopferungsvollen Tochter, die weiß, dass sie keine Ansprüche zu stellen hat. Die Waldnymphen-Gattin des verwunschenen Prinzen, der an eine Kreuzung aus Gaston und Biest aus Walt Disney’s Beauty and the Beast erinnert, zementiert das Klischee der Frau als Zierobjekt. Der Wert weiblicher Charaktere bemisst sich an deren Dekorativität und Funktionalität bei der Produktion eines Erben oder Aufhebung des Fluchs. Belle und die Nymphe sind vorbehaltlos bereit für den nächstbesten Mann zu sterben und sogar die Wahrsagerin fällt an der Seite ihres Liebsten.

Der fehlende Opferwille von Belles älteren, unattraktiveren Schwestern (Audrey Lamy, Sara Giraudeau) wird als alberner Egoismus hingestellt. Eine anständige Frau erträgt klaglos die Fehler ihres Mannes und wird ihn, ist sie nur tugendhaft genug, bessern! Wenn Gans, der Pakt der Wölfe und Silent Hill verantwortete, tatsächlich den Stoff neu interpretieren wollte, hat er das mit seinem reaktionären Kitschkomposit erreicht. Satt Gespür für das filigrane Gespinst aus Magie, Schrecken und Sentiment hatte er 45 Millionen Dollar Budget. Die flossen in ein ausstattungstechnisch, inszenatorisch und dramaturgisch gleichermaßen unschönes Filmungetüm, das zwischen Action, Liebesschnulze und Räuberabenteuer schwankt. Der außer Konkurrenz laufende Wettbewerbs-Beitrag ist wie geschaffen für die Rolle eines Lückenfüllers im Festivalplan – und ansonsten für niemanden.

  • OT: La belle & la bête
  • Regie: Christophe Gans
  • Drehbuch: Christophe Gans
  • Produktionsland: Frankreich, Deutschland
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 113 min.
  • Cast: Vincent Cassel, Léa Seydoux, André Dussollier, Eduardo Noriega, Myriam Charleins, Sara Giraudeau, Audrey Lamy, Jonathan Demurger, Nicolas Gob, Louka Meliava, Yvonne Catterfeld, Dejan Bucin, Richard Sammel, Mickey Hardt, Gotthard Lange
  • Kinostart: 01.05.2014
  • Beitragsbild © Berlinale © Concorde Filmverleih