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Berlinale ’14: Forest Whitaker ist einer der „Two Men in Town“ in Rachid Boucharebs Neo-Western

Berlinale ’14: Forest Whitaker ist einer der „Two Men in Town“ in Rachid Boucharebs Neo-Western

Zwei sind einer zu viel. Diesem Umstand behebt Forest Whitaker in der Anfangsszene, indem er Luis Guzman mit einem Stein erschlägt: irgendwo nah der mexikanischen Grenze in der Wüste, die so trocken ist wie Rachid Boucharebs Skizze eines Verlierers.

Die Eröffnungseinstellung ist der Klimax der Tragödie, die unbarmherzig und unvermeidlich über dem verurteilten Mörder William Garnett (Forest Whitaker) heraufzieht. Zwei Stunden zementiert der französische Regisseur dieses von Anbeginn festgeschriebene Schicksal; zwei Stunden, die keine Sekunde Spannung bezüglich des Fortgangs der Ereignisse aufkommen lassen. Das kondensierte Figurenspiel wird zum zähen Moralstück durch die Vorhersehbarkeit jedes einzelnen Schritts, den Garnett zum Abgrund geht. Die elliptische Struktur unterstreicht die soziologische und psychologische Determination, die das Remake von Jose Giovannis Sozialdrama Deux hommes dans la ville scheinbar offenlegen möchte. Es kommt wie es kommen muss; das Individuum hat keinen Einfluss auf die Mechanismen, die es zum Äußersten treiben; nicht beim besten Willen. Den beweist Garnett seit man ihm das erste Mal begegnet: im Gefängnis, wo er die letzten 18 Jahre zugebracht hat. Nicht lange genug für das Erschießen eines Deputys, findet der örtliche Sheriff Bill Agati (Harvey Keitel) und boykottiert erbittert Garnetts Bewährung.

Sie ist der Ausgangspunkt der Rückblende, die durch das Haftgespräch Garnetts mit einem älteren Schwarzen beginnt. Im spirituellen Sinne ist er eine Vaterfigur für denseiner Mutter (Ellen Burstyn)entfremdeten Protagonisten. Während der Jahre hinter Gittern hat er seinen Schulabschluss nachgeholt und ist zum Islam konvertiert. Der Imam spricht zu ihm von lichten Tagen, die nach den dunklen Jahren warten und verbüßter Schuld. Bereitschaft zu Vergebung und der Glaube an eine Besserung des Menschen sind ein fundamentaler Unterschied zum christlich-katholischen Ansatz des Sheriffs, der nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn handelt. So wie sein der Ex-Häftling einst das Leben des Hilfssheriffs genommen hat, will Agati Garnetts Leben. Das neue Leben, dass er mit der Bankangestellten Teresa (Dolores Héredia) aufbauen möchte. Er habe keine Zeit zu verlieren, sagt der geläuterte Mann am deprimierenden Ende einer früh begonnenen kriminellen Laufbahn. Jobs, die ihm als Teenager zu schäbig waren, akzeptiert er nun dankbar. Zur Belohnung für seine Anspruchslosigkeitverdient er einen Tausender, ein Bankkonto und Teresa.

Bald wohnt Garnett bei ihr statt in der ranzigen Mietzelle, die nach der Gefängniszelle wartet. Beim Verlassen der Strafanstalt nicht lange zuvor besaß er noch kaum mehr als einen einzigen Anzug, ein Bild Mekkas und einem Buch. „ Fortress of Islam“ heißt das Geschenk des Imam, das Garrett liest, als Agati ihn erstmals einschüchtern will. „Man kann das Gesetz nicht vertreten, indem man das Gesetz bricht“, sagt er zu einer Gruppe Vigilanten, doch verstößt selbst gegen den proklamierten Grundsatz. Diesen Widerspruch löst das schleppende Drama so wenig auf wie die dramaturgischen Risse. In dem zunehmend in die Enge getriebenen Protagonisten gärt eine aggressive Wut, die lange vor dem finalen Gewaltausbruch die Resozialisierung, an die seine BewährungshelferinSmith (Brenda Blethyn) fest glaubt, in Frage stellt. Parallel betonen mehrere Szenen Agatis Empathie und Verantwortungsgefühl, dieseine Schikanescheinbar motivieren. Verhängnisvoll wirkt auf Garnett letztendlich nicht die missbrauchte Polizeigewalt, sondern die kriminelle Energie seineseinstigen Komplizen Terence (Luis Guzman). Ihn trifft der Stein, der im Original von 1973 den fanatischen Gesetzeshüter traf. Dessen übelste Taten verlagert Bouchareb auf Guzmans Figur, die inGiovannis Film nicht existiert.

Diekühle Abrechnung mit einem perfiden Rechtssystem, das Verbrecher erst erschafft, wo es keine findet, verkehren kalkulierte Änderungen ins Gegenteil: die Rechtfertigungobskurer Justizintuition, die selbst die herausragenden Darsteller, allen voran der Bären-Favorit Whitaker nicht retten können.

  • OT: Deux hommes dans la ville
  • Regie: Rachid Bouchareb
  • Drehbuch: Rachid Bouchareb, Yasmina Khadra, Olivier Lorelle
  • Produktionsland: Frankreich, USA
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 120 min.
  • Cast: Forest Whitaker, Harvey Keitel, Ellen Burstyn, Luis Guzmán, Tim Guinee, Brenda Blethyn, Sarah Minnich
  • Beitragsbild © Berlinale
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