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„Black Coal, thin Ice“ pirscht sich mit Neo-Noir-Flair an den Goldenen Bären

„Black Coal, thin Ice“ pirscht sich mit Neo-Noir-Flair an den Goldenen Bären

Diao Yinans makaberer Noir vereint zwei durchgängige Topoi des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs: subtile Zitate der Schwarzen Serie, die in Two Men in Town, To Mikro Psari und No Man’s Land durchscheinen, sowie die Winterkälte aus The Gand Budapest Hotel, Aloft, Kraftidioten, Praia do Futuro und La Belle et la Bete. Ausgerechnet Dominic Grafs Fantasy-Märchenerinnert im Titel an die psychopathologische Romanze im Zentrum von Diaos Plot. Die Schöne ist die Wäschereiarbeiterin Wu Zhizhen (Gwei Lun Mei), deren Ehemann Liang Zhijun im titelgebenden Brennstoff gefunden wird: nicht im Ganzen, sonder häppchenweise. Liang ist etwas zerstreut, und zwarbuchstäblich über die nordchinesische Provinz. Hier ragt ein Arm aus einem Zeitungspäckchen, da liegt eine Hand auf dem Fließband und irgendwann schwimmt ein Auge in einem Schnellimbiss in der Nudelsuppe. Ein Kandidat für das Kulinarische Kino.

Die deprimierende Stimmung derHardboiled-Storyvon Besessenheit und Begierde unterwandert geschickt der rabenschwarze Humor. Ebenso ingeniös erhellen die visuellen Nachtstücke von Kameramann Dong Jinsong zwielichtige Nachtaufnahmen die Tristesse der Fabrikstadt. Tag und Nacht schuften die Arbeiter am Fließband, auf dem sie schließlich selbst landen. Kein Grund vom Dienstplan abzuweichen. Das Pensum muss geschafft werden und jeder seinen Beitrag dazu leisten. Die staatliche Maschinerie verleibt sich ihre Bürger ein und sorgt indirekt dafür, dass sie ebenso handeln, wenn sie unwissentlich den Kollegen nach Feierabend im Nachtlokal verzehren. Die bissige Systemkritik macht aus Beiläufigkeiten delikate Indizien. So etwa steht Zhizhen in einem Imbiss auf und geht, kaum dass der Kellner das dampfende Essen vor ihr abstellt. Was da wohl in den Bao-Klöschen war?

Einzig die scheue Femme Fatale hat noch Skrupel unter den kuriosen bis krankhaften Figuren, die einander in dem komplexen Geflecht aus Zudringlichkeit und Abhängigkeit begegnen, um einen Paartanz aufs Parkett zu legen oder mit einem Schlittschuh abgestochen zu werden. Wer kann das sagen? Jedenfalls nicht Detective Zhang (Liao Fan), der zu Beginn in der Mordserie ermittelt. Fünf Jahre später, als erneut ein Killer nach gleichem Muster Körperteile in der Landschaft verteilt, ist Zhang Wachmann, Alkoholiker und einer der Creeps, die Zhizhen umschleichen.Killer und der Ex-Cophabenzu viele Gemeinsamkeiten, als dass die enigmatische Handlung je ein Gefühl von Sicherheit zuließe. Diao genießt es, seine Protagonisten an immer bizarrere Orte zu führen, die Neon-Licht und blinkende Leuchtschrift in phantasmagorisches Karnevallicht tauchen. So kulminiert der Plot in einerRiesenradgondel. Doch niemandsprichthier von Kuckucksuhren.

Gleich den selbstzerstörerischen Charakteren irrtder hintersinnige Thriller durch unterschiedliche Genres,von Hommage, Krimi bis hin zur Farce, statt zielstrebig in eine Richtung zu steuern. Jede Szene gewinnt so ein überraschendes Moment.Da stehtabsurderweiseeine luxuriöse Badewanne, ein Rummelplatz oder ein Pferd auf dem Flur. Die Moritat endet wie die Mordopferzerhackt in schillernde Einzelszenen, die zusammengefügt etwas besseres als ein lebendiges Ganzes: einen hochspannenden Fall.

  • OT: Bai ri yan huo
  • Regie: Diao Yinan
  • Drehbuch: Diao Yinan
  • Produktionsland: China, Hongkong
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 106 min.
  • Cast: Gwei Lun Mei, Liao Fan, Wang Xuebing, Wang Jingchun, Yu Ailei, Ni Jingyang
  • Kinostart: 24.07.2014
  • Beitragsbild © Berlinale
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