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„Manolo und das Buch des Lebens“ ist Arthause-Maskerade für Multiplexe

„Manolo und das Buch des Lebens“ ist Arthause-Maskerade für Multiplexe

Tag der Toten ist in Mexiko einmal im Jahr – nach dem US-amerikanischen Mainstream-Kino dagegen ist er quasi jeden Tag. Verlagert sich ein Plot nach Mexiko, rasseln die Protagonisten fast unvermeidlich früher oder später in eine bunte Skelett-Parade. Auch in Jorge R. Gutierrez‘ poppigem Animationsabenteuer.

Die mit einer überbordende Riege an Neben- und Randfiguren aufwartende Geschichte des begnadeten Sängers Manolo (Diego Luna), der seiner von einer Schlange gebissenen Liebsten in die Unterwelt folgen will, an Orpheus und Eurydike denkt, orientiert sich allerdings weniger an mexikanischen Legenden den an altgriechischer Mythologie. Der romantische Held tritt gegen einen an Cerberus erinnernden Monster-Stier an und die Wette der wohlmeinenden Totengöttin La Muerte (Kate del Castillo) und des hinterhältigen Xibalba (Ron Perlman), dem die Welt der vergessenen Toten untersteht, erinnert an die Spielereien der griechischen Götter mit dem Schicksal der Menschen. Zudem stecken die zwei Facetten des Jenseits verkörpernden Gottheiten gleich Hades und Persephone in einer komplizierten Beziehungskiste. Denn wenn etwas das durch den gechillten Candle Maker (Ice Cube) bewahrte Gleichgewicht von Leben und Tod durcheinander bringen kann, dann ist es die Liebe. Sie fühlen Manolo und sein bester Freund Joaquin (Channing Tatum) – nicht zueinander etwa! So bunt und fröhlich geht es dann doch nicht zu. Sehnsuchtsobjekt und Trophäe ist Maria (Zoe Saldana), deren selbstbewusste Sprüche und Autarkie sich spätestens dann als leere Behauptung entpuppen, wenn sie zum Wohl des Ortes in eine Zweckehe einwilligt.

Nicht viel besser steht es um die Fairness in Manolos und Joaquins Wettstreit. Nach außen hin ist Joaquin derjenige, der durch einen heimlichen Handel mit Xibalba manipuliert. Tatsächlich aber ist der von Anfang an schier unfehlbare Manolo so klar im Vorteil, dass sein Sieg über Joaquin und alles von Anfang an andere außer Frage scheint. Im Gegensatz zu Manolos Konflikt mit dem Traditionsduktus seines Stierkämpfer-Vaters, erfährt man nichts von Joaquins seelischen Kämpfen. Der von dem Banditen Chakal (Dan Navarro) getötet Vater Joaquins meldet sich nie von drüben, obwohl Joaquins Verlangen nach Anerkennung deutlich durch das martialische Vaterbild geprägt ist. Wie aus dem kampflustigen Jungen ein ohne magische Unterstützung schwacher und furchtsamer Erwachsener wurde, bleibt unklar. Manche, scheint es, sind eben wie Manolo ausersehen, in der Liebe, der Arena und im Schlachtgetümmel stets siegreich davonzugehen. Der Rest darf von den Randplätzen aus zuschauen und sich mitfreuen. Wer dazu nur begrenzt fähig ist wie Xibalba, der im Grunde auch nur einmal seinem trostlosen Tartarus entkommen will, kriegt die Schurkenrolle. Letzte gehört Chakal, der ohne farbenfrohe Schädel-Schminke weit realer wirkt als die übrigen Figuren, bei denen man als erstes nicht „Tote“, sondern „Halloween-Party“ denkt.

Mit Rosen geschmückte Sugar Skulls sind längst ein Standard-Deko-Motiv der Massenkultur, deren ästhetische und moralische Maßstäbe der mexikanischen Kultur aufstülpt werden wie einst der arabischen in Disneys „Aladdin“. Wie dort gleichen die guten Charaktere California Beach Boys und Girls, die zu Elvis Presleys „Can’t Help Falling in Love with You,“ und „Creep“ von Radiohead (Wer spricht schon – äh – Mexikanisch?) schmachten. Die übrigen sind unter Klischees ächzende Karikaturen: Mexikaner sind allesamt Mariachi-Musiker, Stierkämpfer, Latin Lover und Luchadores, manchmal mehrere auf einmal. Sie sind heißblütig, abergläubisch und sprechen mit mexikanischem Akzent, sogar die eigene Sprache. Die Rahmenhandlung, in der eine Museumsführerin (Christina Applegate) einer Kindergruppe aus der visuell überwältigenden Welt des titelgebenden Buches erzählt, expositioniert die Kernerzählung noch deutlicher als touristischen Exotismus.

Bedauerlicherweise ist die Produktion von Fantasy-Meister Guillermo del Toro somit trotz ihres Verves und optischen Zaubers letztendlich selbst eine Maskerade. Was sich als Umarmung hispanischer Kultur maskiert, ist vielmehr deren Annektierung und Parodie.

  • OT: The Book of Life
  • Regie: Jorge R. Gutierrez
  • Drehbuch: Jorge R. Gutierrez, Douglas Langdale
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2014
  • Laufzeit: 97 min.
  • Cast: Channing Tatum, Zoë Saldana, Ron Perlman, Danny Trejo, Christina Applegate, Ice Cube, Ana de la Reguera, Diego Luna, Hector Elizondo, Cheech Marin
  • Kinostart: 12.02.2015
  • Beitragsbild © Fox