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Bei „Mr. Poppers Pinguine“ nützt alle Niedlichkeit nichts

Bei „Mr. Poppers Pinguine“ nützt alle Niedlichkeit nichts

Manche mögen’s kalt: Jim Carrey entdeckt in Mark Waters Kinderbuchadaption als Pinguin-Ziehvater die eigene Herzenswärme.

Man muss nicht cool sein, um zu frieren. Im Apartment des Immobilienunternehmers Tom Popper (Jim Carrey) herrscht Eiszeit seit der Ankunft einer Pinguindame, die sein weltreisender Vater ihm überraschend vererbt hat. Während der geschiedene Familienvater Mr. Popper vergeblich versucht, den Pinguin loszuwerden, brütet der Wasservogel im wörtlichen Sinne etwas aus. Bald muss Mr. Popper die Klimaanlage höher stellen, um der wachsenden Sippe watschelnder Hausgenossen gerecht zu werden. Doch in der frostigen Gesellschaft taut in Mr. Poppers Pinguine unversehens das Herz des Geschäftsmanns. Eine Wandlung, die auch seiner Ex-Frau Amanda (Carla Gugino) und den Kindern (Madeline Carroll, Maxwell Perry Cotton) nicht verborgen bleibt.

Jim Carreys Rolle als von animalischen Gefährten begleiteter Städter erinnert an seinen Part als Ace Ventura: Pet Detective. Während jener Zentrum eines artenreichen Privatzoos war, teilt Mr. Popper die Wohnung mit einer einzigen Art, dafür mit einer der beliebtesten überhaupt. Allerdings wirken die Schalkhaftigkeit und das possierliche Auftreten der computeranimierten Pinguine allzu kalkuliert und sprechen wohl höchstens die jüngeren Kinder im Publikum an. Und vor allem erfolgt die Betonung des Niedlichkeitsfaktors der Tiere zum Preis der Verflachung der menschlichen Protagonisten.

Im Gegensatz zum chaotischen Ace Ventura muss der organisierte Mr. Popper in die Rolle des tierlieben und tiergeliebten Ziehvaters erst hineinwachsen. Seine Rolle als Versorger der Pinguine nimmt die Rückkehr in die Position des Familienvaters vorweg. In ihrer Abhängigkeit und Anhänglichkeit erinnern die vermenschlichten Vögel an Kinder: Mr. Poppers Pinguine treten ähnlich unerwartet in sein durchgeplantes Leben, bringen es durcheinander und sind schwer wieder loszuwerden. Dass er dies tatsächlich nie wollte, erkennt Mr. Popper erst spät. Nicht nur seine Liebe zu Pinguinen wird ihm plötzlich bewusst. Dank der tierischen Gefährten erkennt er, wie sehr ihm seine leiblichen Kinder fehlen. In Zeiten von Patchworkfamilien, Single-Leben und Alternativgemeinschaften erscheint das traditionelle Familienschema nur noch im Tierreich intakt. Die Bedeutung konservativer Familienwerte kennen Mr. Poppers Pinguine, die das Ideal der Großfamilie repräsentieren, besser als die Menschen.

In der Buchvorlage wird Mr. Popper liebenswert durch seine Träumerei und Unangepasstheit, die sich als seine größten Stärken offenbaren. In der Kinoversion ist dieses unterschwellige Widerstreben, sich in vorgegebene Lebensschemata einzufügen, Poppers Schwäche, die seine Gefühlskälte versinnbildlicht. Aus dem verstiegenen Maler Mr. Popper ist ein kühler Geschäftsmann geworden. Statt die Geldsorgen seines literarischen Pendants zu bewältigen, muss Mr. Popper im modernen Amerika Familienwerte wahren lernen. Gleich seinem Vater, einem Entdeckungsreisenden, hat Tom Popper seine Familie zurückgestellt, um sich beruflich zu etablieren. Den in der Buchvorlage zentralen Glauben an Träume und deren Verwirklichung unterminiert die Filmhandlung. Ist der erste Pinguin in der Vorlage ein Geschenk, das lehrt, dass Wünsche wahr werden können, macht ihn die Adaption zu einer ungewollten Erblast von Poppers Vater; die Gabe ist Symbol für die väterlichen Versäumnisse von Popper sen., die Popper jr. indirekt mahnt, die Fehler seines Vaters nicht zu wiederholen.

Mr. Poppers Pinguine verlässt sich allzu sehr auf seinen Hauptdarsteller. Dass der Film aufgrund des konventionellen Drehbuchs auf dessen bekannte mimische Qualitäten angewiesen ist, macht die mittelmäßigen Pointen fast traurig – umso mehr, weil die literarische Vorlage durch einen Humor und eine Originalität glänzt, welche der Adaption weitgehend fehlen. Das gleichnamige Kinderbuch von Richard und Florence Atwater ist eine skurrile Hommage an Erfindungsreichtum und den Mut, das scheinbar Unmögliche zu wagen. Das moderne Märchen über das Unerwartete, welches das unscheinbarste Dasein abenteuerlich macht, wenn man sich ihm öffnet, ist in der hektischen Gegenwart so aktuell wie vor dem prekären sozialen Hintergrund der 1930er Jahre. Bei dem missglückten Versuch, die Erzählung zu modernisieren, verkannte das Autorentrio Sean Anders, Jared Stern und John Morris einer ihrer markantesten Qualitäten: Zeitlosigkeit.

Ein Trost ist, dass die Verfilmung das hierzulande eher unbekannte Kinderbuch vielleicht populärer macht. Ansonsten gilt für die Kinoadaption das Gleiche wie für manche Buchpublikationen: Nicht überall, wo Pinguine drauf sind, ist ein Klassiker drin.

  • Beitragsbild © Fox
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