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In A Glass Darkly: Walt Disney’s „Snow White and the Seven Dwarfs“

In A Glass Darkly: Walt Disney’s „Snow White and the Seven Dwarfs“

Der erste Animationsspielfilm und Disney-Zeichentrickklassiker begann als Disneys Folly, eine Narretei, die anderthalb Millionen Dollar und die Arbeitskraft des gesamten Studios kostete. Vorab löste der gezeichnete Film von abendfüllender Länge Häme und Ratlosigkeit aus. Wer sollte sich das ansehen? Millionen von Zuschauern auf der ganzen Welt taten und tun es noch heute. Obwohl narrative Form und Inhalte in markantem Kontrast zu den niedlichen Bildern stehen. Nach einem obskuren Prolog beginnt die Handlung nicht mit der Titelfigur, sondern ihrer Widersacherin. Die Stimmung wechselt abrupt zwischen Romantik, Schauer und Burleske. Aus dem Nichts erscheinen Charaktere und verschwinden wieder darin. Der tragische Höhepunkt wird unversehens zum morbiden Happy End. Jene Abweichungen vom etablierten Disney-Konzept sind Charakteristika des Märchens. Die von Gustaf Tengren inspirieren Tuschzeichnungen weben das Unheimliche in die herzige Kitschwelt.

Snow White ist ein Horrorfilm im Geiste der Grimms, wimmelnd von Hexen, wilden Tieren und Mördern, denen Schneewittchen begegnet. Makaberer Schabernack in Tradition der tanzenden Skelette der Silly Symphonies. Nicht so die übermächtige Schurkin. Die Königin und Schneewittchen sind eineHauptfigur: zwei Facetten des gleichen Charakters. Nicht Schneewittchen fürchtet die Königin, sondern die Königin fürchtet Schneewittchen. Der Spiegel zeigt ihr die verhasste Konkurrentin, optisch ihr jüngeres Ich. Da jeder Doppelgänger die Bedrohung der Verdrängung mit sich bringt, muss das Alter Ego vernichtet werden. Vom Jäger fordert die Königin als Mordbeweis Schneewittchens Herz. Der von einem Miniaturdolch durchbohrte Herzverschluss der Schatulle, in der das Organ gebracht werden soll, verdeutlicht das Unzeigbare. Ein Dialog zwischen dem Zauberspiegel und seiner Herrin belegt die Schlachtung, wenn auch nur die eines Ersatztieres.

Snow White still lives, fairest in the land. ‚Tis the heart of a pig you hold in your hand.

Magic Mirror

Knapp entronnen, droht Schneewittchen ein noch grausameres Los. „Sleeping Death“ heißt das Zaubermittel im vergifteten Apfel. Die Königstochter soll lebendig begraben werden. Ahnungslos und unbeschwert lebt sie derweil im Haus der Sieben Zwerge. Die an Slapstick, Gesang und Dialogwitz reichste Handlungsepisode dient der Auflockerung und etabliert Schneewittchen als Mutterfigur im Gegensatz zur im doppelten Sinne stiefmütterlichen Königin. Schneewittchens widmet sich voll elterlicher Fürsorge den Zwergen, deren Statur und Verhalten oft an Kinder erinnert. Schneewittchen bekocht sie, putzt ihnen hinterher und singt ihnen vor. Physisch selbst noch kindlich, lebt sie ihre Mutterfantasien spielerisch aus: in einem Häuschen voller Miniaturmöbel und -menschen. Im Kontrast zu Schneewittchens symbolischer siebenfacher Mutterschaft hat die Königin kein leibliches Kind. Nach dem damaligen Frauenbild ein Makel, der ihr jedoch ermöglicht, die traditionell männlich besetzte Machtfunktion einzunehmen.

In einer Urversion der Märchenvorlage ist die Königin Schneewittchens leibliche Mutter. Durch die äußere Ähnlichkeit beider (jede ist zeitweise „die Schönste im ganzen Land“) ist die Blutsverwandtschaft in der Zeichentrick-Adaption weiterhin unterschwellig präsent. Die Abwesenheit von Schneewittchens leiblicher Mutter betont diese Verbindung bei Disney. Dort erklingt das Wunschbild der Tochter als „rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz und weiß wie Schnee“ nie. Das Gleichnis ist eines der zahlreichen Todesmotive des Märchens. Blut ist Verwundung, weiß Leichenblässe, Schnee Leichenkälte, schwarz Trauer, Ebenholz Sargmaterial. In einem Sarg wird auch die Mutter liegen, die sich mit der Tochter unbewusst den eigenen Tod herbei wünscht. Ein Todesmotiv eröffnet auch den Disney-Film. Im Schloss plant die Königin die Ermordung der Prinzessin. Wenig später droht ihr der Tod erst in Gestalt des Jägers.

Es folgen Raubtiere (Krokodile, da Disney sich die mitteleuropäische Flora und Fauna ein bisschen wie die Sümpfe Floridas vorstellte) und Nachtwesen (Fledermäuse). Später erscheint der Tod in Form der Schatulle mit dem Herz, einem Skelett im Folterkeller und dem als Totenkopf erscheinenden Giftapfel. Der Biss in ihn symbolisiert das Erliegen weltlicher Verlockung. Selbst sie, voll kindlicher Unbedarftheit und Unschuld, ist eine Tochter Evas und unterliegt deren Versuchung: „Angel, ha! She’s a female! And all females is poison! They’re full of wicked wiles!“, verkündet Grumpy den misogynen Grundsatz, der nahezu den gesamten Disney-Kanon beherrscht. Sieben Beschützer, ein weichherziger Jäger und ein Prinz können die Hauptfigur nicht vor sich selbst retten. Arglos missdeutet Schneewittchen die Warnung der Tiere vor der als Hexe verkleideten Königin. Kognitiv und intuitiv verkennt sie das Böse.

Queen: Yes. One bite, and all your dreams will come true.
Snow White: Really?
Queen: Yes, girlie. Now, make a wish, and take a bite.

Totenschlaf ist die Strafe für den Sündenfall. Dem Tod ist ein Scheinsieg gewährt. Die reale Sterbeszene ist die ihres bösen Alter Egos: der Königin. Mit ihr vergehen auch die in ihrer Person verkörperten negativen Persönlichkeitsanteile Schneewittchens. Der Zauberspiegel reflektiert die Seele, die Wunschträume und Ängste. Auch Schneewittchen sieht in einem magischen Spiegel ihre Sehnsüchte. Im Brunnenwasser erscheint ihr der Prinz, der sich ihr unbemerkt genährt hat. Während die Königin aktiv in den maskulinen Spiegel (Moroni Olson) blickt und ihn durch-schaut, ist Schneewittchen Objekt des männlichen Blicks. Dieser erträumte Blick erschreckt Schneewittchen, die sich vor ihren Tagtraumbildern fürchtet. Doch es gibt kein Entkommen vor dem erzwungenen „Glück“. Auch das ist der Fluch des Giftapfels. Das königliche Wort gilt, denn sie, Schöpferin verlockender Illusionen, ist machtlos gegen die Zeit.

Paradoxerweise ist es jedoch die Zeit, deren Verstreichen Schneewittchen ihrer Position berauben und in die verdrängte Schattenseite ihres Selbst verwandeln kann. Ins Schloss reiten schließlich Prinz und Schneewittchen, die dort den Platz der Königin vor dem Zauberspiegel einnimmt und fortlebt: „Happily ever after“. Solange sie die Schönste im Land ist.

  • OT: Snow White and the Seven Dwarfs
  • Regie: William Cottrell, Wilfred Jackson, Larry Morey, Perce Pearce, Ben Sharpsteen
  • Drehbuch: Ted Sears, Earl Hurd, Richard Creedon, Merrill De Marris, Otto Englander, Dick Rickard, Dorothy Ann Blank, Webb Smith
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 1937
  • Laufzeit: 83 min.
  • Cast: Adriana Caselotti, Lucille La Verne, Harry Stockwell, Roy Atwell, Pinto Colvig, Otis Harlan, Scotty Mattraw, Billy Gilbert, Eddie Collins, Moroni Olsen, Stuart Buchanan
  • Kinostart: 21.12.1937
  • Beitragsbild © Walt Disney

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