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Berlinale ’09: „Mary und Max“ ist todtraurig-herzige Groteske

Berlinale ’09: „Mary und Max“ ist todtraurig-herzige Groteske

Mary (Toni Collette) lebt in einem winzigen australischen Kaff, wo ihre Mutter sich mit Back-Sherry besäuft, während der Vater in der Garage Tiere ausstopft und der niedliche Nachbarjunge (Eric Bana) sie übersieht. Menschen und unbekannte Situationen verstören Max (Philip Seymour Hoffman). Keine optimalen Voraussetzungen für das Leben im New York der 70er. Freunde haben die hochintelligente 8-Jährige und der übergewichtige Rentner keine. Bis Mary ihre Fragen an die Welt in einen per Zufallsauswahl adressierten Brief schreibt. Ganz aus Knete geschaffen, erinnert die Szenerie an Wallace & Gromit und Henry Selicks Werke, doch Adam Elliots Welt ist mehr Alptraum-Realität als unbeschwerter Fantasie.

Über dem staubigen Australien und New Yorks grauer Betonwüste hängt die gleiche Tristesse, in der selbst Tiere betrübt gucken und Pflanzen schneller welken. Die individuellen Farbcodes betonen die Verschiedenheit der Protagonisten, die über ihre Briefe in Dialog treten. Ausgetauscht werden Schokoladenrezepte und kuriose Alltagsfragen. Sie sind Teil des Grotesken, dessen trotzige Komik die Tragik erträglich macht. Auch vor der am strengsten verschwiegenen Facette des Tabuthemas Tod scheut die makabere Story nicht zurück. Elliot schwelgt in absurder Melodramatik und bewahrt dadurch die Handlung vorm Sturz in Sentimentalität. Detailverliebt zeigt Mary & Max Lustiges im Schrecklichen, Schönes im Hässlichen, Fröhliches im Traurigen.

2009 lief die eigenwillige Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft auf der Berlinale in der Sektion Generation. Im Gespräch nach der Vorführung nannte Elliot neben dem Stummfilm, dessen wortlose Ausdruckskraft jeder Szene innewohnt, Tod Brownings Werk als Inspirationsquelle. Brownings Kino des Bizarren variiert Elliot zu seiner eigenen künstlerischen Freak-Show. Die süßliche und moralisierende Kinderfilmwelt von Disney und Spielberg lässt seine rabenschwarze Tragikkomödie weit hinter sich. Fast unglaublich scheint da die Randnotiz, dass die Geschichte auf tatsächlichen Ereignissen basiert. Entgegen der Konvention entfällt die Moral zugunsten einiger bescheidener Erkenntnisse über das Leben:

Gott gab uns Verwandte. Zum Glück können wir unsere Freunde selbst wählen.

  • OT: Mary and Max
  • Regie: Adam Elliot
  • Drehbuch: Adam Elliot
  • Produktionsland: Australia
  • Jahr: 2009
  • Laufzeit: 90 min.
  • Cast: Toni Collette, Eric Bana, Philip Seymour Hoffman, Bethaney Whitmore, Renee Geyer, Barry Humphries
  • Kinostart: 26.08.2010
  • Beitragsbild © 24 Bilder/ MFA+Filmdistribution