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Doc „Caught in the Net“ exposes rampant online pedophilia, then downplays it

Doc „Caught in the Net“ exposes rampant online pedophilia, then downplays it

Teil der abgründigen Problematik, der Barbara Chalupová und Vít Klusák ihre beklemmende Doku widmen, manifestiert sich in der Weigerung der projektbegleitenden PsychologInnen, SexualtherapeutInnen und AnwältInnen, deren Ausmaß zu benennen. Männer wie jene, die von drei in Chatforen den Part 12-jähriger Kinder verkörpernden Schauspielerinnen (Sabina Dlouhá, Anezka Pithartová, Tereza Těžká) Nacktbilder fordern, sexuelle Handlungen erpressen, ihnen obszöne Aufnahmen von Schwanzbildern bis zu Tier- und Kinderpornos schicken und Treffen initiieren – solche Männer seien die Ausnahme, heißt es. Die bagatellisierenden (Fehl)Einschätzungen werden nie korrigiert. Zuvor präsentierte Statistiken und Erfahrungsberichte sexueller Online-Übergriffe spiegeln indes eine andere Realität, welche das Filmexperiment untermauert.

Kaum ist eines der Profile, denen Kinderzimmerkulissen mit Requisiten aus der Kindheit der erwachsenen Darstellerinnen maximale Authentizität verleihen, online, hagelt es Anfragen älterer Männer. Beim Skypen haben sie eine Hand unterm Tisch, beginnen Unterhaltungen mit Vulgärsprache und Genitalaufnahmen. Ein Klick – Dick Pic. Die avisierten Opfer können nicht ausweichen, werden systematisch manipuliert und als Mitschuldige hingestellt, wenn sie nicht gehorchen. Doch die ostentative Abscheu der Crew hinter der Kamera unterliegt der Doktrin von Pädophilie als Ausnahmeerscheinung. Das seien keine Pädophilen, die da beim Anblick eines (vermeintlichen) Kindes onanieren. Pädophil seien nur zwei, drei Prozent der Gesellschaft. Der Rest? Fehlinterpretiere kindliches Verhalten. 

Solche Aussagen verharmlosen skrupellose Verbrechen als Missverständnis, fördern die Verschleierung sexuellen Missbrauchs und schieben die Schuld subtil auf das Verhalten der Opfer. Fragwürdig auch der indirekte Fingerzeig auf soziale Medien als vermeintlicher Katalysator perverser Übergriffe. Diese zeigen die Filmaufnahmen dabei klar eindeutig als Norm. Doch ein Eingeständnis fehlt genauso wie jede Bezugnahme auf eine Gesellschaft, die insbesondere weibliche Kinder sexualisiert, Verbrechen ungeahndet lässt, Tätern öffentliche Podien bietet und sie zu Opferlämmern stilisiert. Nicht nur, wenn sie Roman Polanski heißen. Einfacher ist, das Problem wegzulachen wie das Filmteam bisweilen tut – und einige „Kollegen“ bei der Pressevorführung. Perversion hat eben viele Facetten. 

  • OT: V síti
  • Regie: Vít Klusák, Barbora Chalupová
  • Drehbuch: Vít Klusák, Barbora Chalupová
  • Produktionsland: Czechia
  • Jahr: 2020
  • Laufzeit: 100 min. 
  • Cast: Sabina Dlouhá, Anezka Pithartová, Tereza Těžká
  • Kinostart: 05.11.2020
  • Beitragsbild © Filmwelt