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Berlinale ’20 Wettbewerb: „Never Rarely Sometimes Always“ shows long, painful road to reproductive rights

Berlinale ’20 Wettbewerb: „Never Rarely Sometimes Always“ shows long, painful road to reproductive rights

Zufall oder Zynismus, dass die Berlinale im selben Jahrgang Jeremy Irons zum Jury-Präsidenten kürt und einen Wettbewerbsbeitrag zeigt wie Eliza Hittmans dritten Spielfilm? Der ist formell der nüchterne Rapport eines Trips vom ländlichen Pennsylvania nach New York, den die 17-jährige Autumn (preiswürdig: Sidney Flanigan) in Begleitung ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) für einen Schwangerschaftsabbruch auf sich nehmen muss. Unter der rauen Oberfläche schnörkellosen Naturalismus tobt ein Orkan nicht nur brandaktueller, sondern zeitübergreifender Themen.

Diese sind hierzulande kaum weniger relevant als im Heimatland der Regisseurin. Deren karge Inszenierung wechselt absichtlich szenenweise in semi-dokumentarischen Modus, der eine kriminalisierte Aufklärungsarbeit leistet. Der in mehrerer Hinsicht weite und qualvolle Weg zu systemisch erschwerter Selbstbestimmung vermischt sich organisch mit der messerscharfen Observation des alltäglichen Kampfs gegen sexuelle Gewalt, Entrechtung und Erniedrigung. Schmutzige Interieurs, eine matte Farbpalette und die einer männlichen Perspektive verschlossenen, authentische, Details (der U-Bahn-Wichser) enthüllen eine frauenverachtende Gesellschaft.

Darin wird die Verletzlichkeit junger Mädchen in einer durch physischen und psychischen Missbrauch entstandenen Zwangslage gezielt ausgenutzt. Die Notwendigkeit reproduktiver Freiheit ist dominantes, jedoch bei Weitem nicht einziges drängendes Motiv der eindringlich Chronik essenzieller Freundschaft. Skylars Beistand kommt anders als der ihrer Familien oder einer aufdringlichen Busbekanntschaft ohne Fragen, Forderungen und Verrat. Weiblicher Zusammenhalt bleibt stärkste und einzige verlässliche Verteidigung gegen ein feindseliges Umfeld, das insbesondere materiell und sozial benachteiligte Mädchen mittels biologistischer Unterdrückung entrechtet.

Frei von Sentimentalität und Klischees beleuchtet Eliza Hittman den im doppelten Sinne weiten und hürdenreichen Weg zweier Freundinnen in einer Gesellschaft, die Frauen mehr Mitbestimmungsrecht über ihre Leiche einräumt als über ihren eigenen lebendigen Körper. Herausragende Darstellerinnen tragen mit bewundernswerter Leichtigkeit die packende Exposition der fatalen Effekte eines invasiven Patriarchats, das Mädchen konditioniert, verbalen, körperlichen und emotionalen Missbrauch klaglos zu ertragen und Frauen mittels legislativer Entmündigung zwingt, den eigenen Körper als ihren naturgegebenen Feind wahrzunehmen.

  • OT: Never Rarely Sometimes Always
  • Regie: Eliza Hittman
  • Drehbuch: Eliza Hittman
  • Produktionsland: USA
  • Jahr: 2020
  • Laufzeit: 101 min. 
  • Cast: Ryan Eggold, Théodore Pellerin, Sharon Van Etten, Talia Ryder, Sidney Flanigan, Drew Seltzer, Lester Greene, Kim Rios Lin, Carolina Espiro, Guy A. Fortt, Brett Puglisi, April Szykeruk, Aurora Richards, Jingjing Tian, Michael Erik, Alana Barrett-Adkins
  • Beitragsbild © Berlinale
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